Licht um Frau ohne Schatten

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Hier wäscht der Gatte selbst: Caroline Whisnant und Terje Stensvold als armes Färber-Ehepaar.

Frankfurt - An der Oper des Münchners Strauss klebt Frankfurter Herzblut: War doch „Frau ohne Schatten“ 2002 ein erster Erfolg des neuen Intendanten Bernd Loebe. Sowohl beim Publikum als auch bei Kritikern, die später das Haus am Willy-Brandt-Platz zur „Oper des Jahres“ kürten. Von Klaus Ackermann

Zudem wurde der jetzige Generalmusikdirektor in der gleichen Umfrage als „Dirigent des Jahres“ ausgezeichnet. Sebastian Weigle steht auch bei der Wiederaufnahme der Strauss-Oper am Pult des Museumsorchesters, das an Intensität und Schlagkraft noch zulegen konnte. Und selbst Christof Nels Inszenierung bezeugt in der insgesamt 22. Vorstellung eine erstaunliche Frische, von Orest Tichonov auf die Bühne gestellt, unterstützt von Akteuren, die Umbesetzung und Indisposition mühelos wegsteckten.

Stimmen in gnadenlosen Höhen

Starke Gefühle bedürfen gerade bei Strauss ebensolcher Stimmen, die sich teils in gnadenloser Höhe bewegen, um die Geschichte einer geisterhaften Menschwerdung voranzutreiben. Denn die Kaiserin, als Gazelle vom Kaiser erbeutet und sich flugs in eine schöne Frau verwandelnd, wirft keinen Schatten. Will heißen, sie ist unfruchtbar, muss zurück ins Geisterreich und versucht deshalb, einer Färbersfrau den Schatten abzukaufen, widerruft jedoch, als sie erkennt, welch Unheil sie bringt – und erfährt Erlösung durch Verzicht.

Regisseur Nel hat wieder auf hohe Mauern gesetzt, hermetisch Innen- und Außenwelt abgrenzend, die der Geister und Menschen. Masken kennzeichnen die geisterhaften Wesen, ein paar surreale Chor-Tableaus und Taschenspielertricks inklusive. Angelegentlich wird das hohe Maß an Empfindungen auch auf ironische Distanz gebracht.

Noch in Kittelschürze entwickelt Ensemble-Neuzugang Tanja Ariane Baumgartner als Amme mit elastischem Mezzo die gewisse Tücke. Dagegen stemmt Silvana Dussman als Kaiserin trotz Handicaps die höchsten Töne, hat stimmlich Schärfe und bezeugt Mitgefühl. Als Kaiser widerspricht Tenor Michael König, erstmals in dieser Produktion, mit edlem, auch leidenschaftlich aufbegehrendem Schöngesang seiner eher hemdsärmeligen Rolle.

Caroline Whisnant singt die zwiespältige Ehefrau

Als „wäschemachender“ Softie gibt Terje Stensvold wieder den rücksichtsvollen Färber mit geradlinigem Bariton. Grell psychotisch, mit einem Sopran, der sich auch auf Selbstmitleid versteht, singt Caroline Whisnant die zwiespältige Ehefrau. Erwähnenswert: Peter Marshs sehnsüchtig sich emporschraubender Tenor, Wunschbild der Färbersfrau. Als Geisterbote trifft Bariton Johannes Martin Kränzle ideal den Erzählerton. Als kurzfristiger Einspringer – der Einäugige – fügt sich Bariton Armin Kolarczyk unauffällig ein.

Vorstellungen sind außerdem am 25. Oktober sowie 7. und 15. November zu sehen.

Die Stimme des Falken ist Sopranistin Christiane Karg – und macht gesanglich eine ausgesprochen gute Figur. Von einem Motiv begleitet, dass sich schon in den acht sinfonischen Zwischenspielen ins Ohr nistet, mit denen Weigle und das Museumsorchester Situationen klanglich verknüpfen und seelische Verwandlungen sichtbar machen, ideal kanalisiert und mit dem Chor (Einstudierung: Michael Clark) – vor allem die irrlichternden Frauenstimmen ziehen in Bann – als stabilem Überbau. Zwischen Feen- und Mysterienoper entwickelt Weigle aus Bläser-Dunkel klangliche Leuchtkraft, der man sich nicht entziehen kann. Kein Wunder, dass nach zwei Happyends und einem schier unendlichen Abgesang der Frankfurter GMD wie ein Popstar gefeiert wird. Es erinnert an die Jubelstürme um Christian Thielemann in Bayreuth – auch so ein Hüter des deutschen Repertoires.

Quelle: op-online.de

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