Lichtgestalt im Tal des Jammers

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Helmut Potthoff spielt im Amphitheater einen König, der sein Volk drangsaliert.

Es muss wahrlich schlecht bestellt sein um das Land, wenn selbst der Teufel sich in seine Hölle zurückzieht und traurig sinniert: „Gegen diesen König stehe ich da wie ein blutiger Anfänger.“  Von Dieter Kögel

Der irdische Herrscher zieht mit seinen Eintreibern durch die Dörfer, presst das Letzte aus den Bürgern heraus – und genießt die Pein der Untertanen. Ellen Schulz gibt in ihrer Inszenierung vom Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ bei den 26. Brüder-Grimm-Märchenfestspielen im Hanauer Amphitheater dem Übel ein Gesicht. Helmut Potthoff spielt den Despoten mit großer Überzeugungskraft. Seine Gier nach Reichtum ist krankhaft, die Grenze zum Wahnsinn überschreitet er, wenn er die geraubten goldenen Lüster lustvoll an die Herrscherbrust drückt.

Menschenleben zählen nicht, wenn es um Macht und Reichtum geht. Widerstand wird mit Gewalt gebrochen. Die schwarz gekleideten Soldaten mit ihren Motorradhelmen gleichen einem Schlägertrupp, der Probleme mit schneller Klinge löst. Kein Wunder, dass der Teufel (Oscar U. Ehrlich) auf seinem Pferdefuß davonschleicht und ernüchtert feststellt: „Da kann einem die Lust vergehen.“

Ein Land am Abgrund, die Menschen verschüchtert, verängstigt. Lethargisch nehmen sie das Versiegen des Wein spendenden Brunnens und das Vertrocknen des Baumes, der einst goldene Äpfel trug, hin. Die Quellen von Inspiration und Wohlstand existieren nicht mehr, das Leben von eigener Hände Arbeit ist unmöglich geworden.

Christian füllt die Figur des Glückkindes

Die Not fällt in Ellen Schulz’ Märchenfassung nicht vom Himmel, ist nicht gottgegeben, sondern Ergebnis skrupelloser Herrschaft. Lichtgestalt im Tal des Jammers ist Felix, der mit der Glückshaut geborene Junge, dem bei der Geburt die Vermählung mit der Prinzessin prophezeit wird. Die Versuche des Königs, den kleinen Erdenbürger ins Jenseits zu befördern, scheitern. Gegen das Glück ist selbst der erste Mann im Staat machtlos.

Christian Furrer füllt die Figur des Glückskindes mit einer Offenheit und Unbeschwertheit allem und jedem gegenüber. Lebenslust und Neugier treiben ihn an, moralische Integrität und Mitgefühl wirken nicht aufgesetzt, sondern angeboren und anerzogen, sodass Felix selbst die Herzen der furchtlosen und munteren Räubertruppe (Marc Ermisch, Thomas Müller-Brandes, Umberto De Bernardo und Benedikt Selzner) und der Mutter des Teufels (Nadine Buchet) erweicht und sich mit ihnen verbündet.

Ein bisschen Schinderhannes

Die Bösen als die Guten? Auch hier klärt Autorin Schulz die Verhältnisse: Die Räuber waren einst Edelmänner, bis der König die Familie in den Ruin und den Vater in den Tod getrieben hat. Seither versetzt die Bande dem Herrscherhaus kräftige Stiche, klaut die erpressten Schätze und gibt sie unter donnerndem Applaus der begeisterten Gäste in den Tribünen als „Steuerrückzahlung“ auf den dörflichen Marktplätzen ans Volk zurück.

Nächste Aufführung am Sonntag, 13. Juni.

Ein bisschen Schinderhannes, ein wenig Robin Hood schimmern durch, wenn der Despot am Ende durch Felix’ Findigkeit Opfer seiner eigenen Gier wird. Nicht einmal die Königin (Claudia Brunnert) weint ihrem Gemahl eine Träne nach. Dem gedeihlichen Eheleben von Felix und Prinzessin Charlotte (kindlich naiv und vom höfischen Moralverfall noch nicht erfasst: Carolin Freund) steht nichts mehr im Wege. Die Räuber kommen als Minister wieder in Amt und Würden, das Reich wird wieder zukunftsfähig. Ein kluges Buch, Charme und Witz sowie gute schauspielerische Leistungen bis in die Nebenrollen überschreiten die Grenzen des Genres, ohne den Zauber des Märchens zu verlieren.

Quelle: op-online.de

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