Lichtspiele im sakralen Raum

+
Hans Schorks „Große Meditation blau“ in der Kunsthalle Jesuitenkirche Aschaffenburg.

Aschaffenburg - Wenn der 1935 in Aschaffenburg geborene Lichtkinetiker Hans Schork über seine „Kastln“ spricht und nicht als Künstler gesehen werden will, schafft das wohltuende Kontraste zu manch zeitgenössischer Selbstbespiegelung. Von Reinhold Gries

Wie ein Konstrukteur oder Architekt hält der gelernte Messtechniker Ideen in Notizbucheinträgen und Entwurfsskizzen fest, um sie präzise und elegant in Konstruktionszeichnungen auszuformulieren. Die mit schwarzer Tusche auf weiße Drehscheiben gezeichneten Linienbündel, Kurven, Punkte und Schraffuren bilden das Grundgerüst für seine faszinierenden Lichtkästen, die nur auf den ersten Blick technisch aussehen.

Wenn sich die Scheiben in flachen, schwarzen Acryl- oder Plexiglaskästen drehen, ändert sich vieles. Im Lichtobjekt „Alcázar“ vexiert eine dunkle Figur wie ein Rotor über vorgegebenes Raster. Die abknickenden Linien der Drehscheibe von „Reiseerlebnis Wolof“ geraten in unvorhergesehene Bewegung. Im Lichtkasten „Explosion“ wandern Lichtpunkte und -striche geheimnisvoll in imaginärer Kugel, wie von unsichtbarem Kraftfeld gesteuert. In „Rhavett II“, „Matmata“ oder „Man ghih II“ schieben sich Strichgarben und Formelemente so übereinander, dass einem immer neue Verdichtungen und Linienspiele entgegenleuchten.

Schorks Kunst sorgt für innere Ruhe

Geplant, aber trotz geometrischer Formensprache nicht vollständig berechenbar sind die Lichtsignale, die den Betrachter wie ein Radarschirm überziehen. Manches erinnert an Reflexe dunklen Wassers, anderes scheint in kosmische Tiefen zu führen. Virtuos zeichnet Schork im Spannungsfeld zwischen Frontplatte und Drehscheiben mit der Lichtquelle und lässt Helligkeit nur durchdringen, wo es Schlitze und Öffnungen der Scheiben in gegenläufiger Bewegung gerade zulassen. Das sorgt für immer neue Spannung, die sich ein Informel-Künstler im Spiel mit dem Zufall kaum besser ausdenken könnte.

Wie sich Schorks Kunst, die für innere Ruhe sorgt, über die Jahrzehnte entwickelt hat, verdeutlicht sein in gelb-orange-rote Kreise gefasstes Lichtobjekt „Anfangen, wie es anfing“ von 1967. Gegenüber dessen Linienopulenz oder der des „Großen Tozeur Bildes“ kommt der Künstler heute mit weniger aus – was manchmal mehr ist bei solcher Meditation.

Dass Schork kein Minimalist ist, ist nicht nur an der Installation „Meditation blau“ zu sehen, mit der er die mystisch königsblau illuminierte Kirchenapsis so in die Tiefe dehnt, wie er es mit anderen Kirchenräumen getan hat. Freude an Farbe verbreiten auch „Lichtzeichnungen“ und „Lichtmalereien“. In Fotografien wie „Submarin“, „Weißer Lichtwirbel“, „Roter Klang“ oder „Weiße Lichtwolke“ stellt er auf langzeitbelichtetem Fotogrund sensibel beobachtete Bewegung von Lichtphänomenen dar. Zeit und Raum gehen zusammen.

„Hans Schork: Lichtwege – Zeiträume“, bis 6. Februar in der Kunsthalle Jesuitenkirche Aschaffenburg. Geöffnet Dienstag 14 bis 20, Mittwoch bis Sonntag 10 bis 17 Uhr. Führungen: Tel.: 06021 3868866

Während Lichtwolken hinzuführen scheinen zu ferner Galaxie oder nur geahnter Landschaft, schwingen kurvige, farbig leuchtende Spuren wie moderne Musik. Selbst chaotisch wirkende Lichtlinien finden in gesteuertem Gewirr zu elementarer Ordnung, während sich kaum greifbare Lichtflächen in imaginierten Raum nach oben schrauben. Nicht nur da ist zu merken, wie viel Spiritualität technische Verfahren verbreiten können. Der Grenzen überschreitende Wechsel zwischen Immateriellem und künstlerischer Materialität fasziniert.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare