Mozarts Oper „La finta giardiniera“ mit vielen Turbulenzen

Liebe und andere Leibesübungen

Am Himmel wie auf Erden: Oben schweben Sandrina (Brenda Rae) und Graf Belfiore (Jussi Myllys), unten kauern Nardo (Yuriy Tsiple), Serpetta (Nina Bernsteiner), Arminda (Anna Ryberg) und Ritter Ramiro (Jenny Carlstedt, von links).

Ein turbulentes Stück Sommertheater mit zauberhaften Wendungen hat Katharina Thoma für die Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot inszeniert. Mozarts „La finta giardiniera“ erzählt von tiefgründiger Liebe und flüchtigen Leibesübungen. Musikalisch frischen Durchzug garantiert Kapellmeister Hartmut Keil mit dem selbst auf der Bühne stark beschäftigten Museumsorchester.

Von sieben Solisten gesanglich munter aufgezäumt, sorgt das Singspiel für dreieinhalb Stunden Kurzweil – knapp vor der Klamaukgrenze die Kurve kratzend.

Dass es sich bei der „Gärtnerin aus Liebe“ um die gewisse Orientierungslosigkeit (in Liebesdingen) handelt, macht Thoma von Anbeginn klar, die im Januar die Regie übernommen hatte, weil Tilman Knabes Konzept offenbar aus akustischen Gründen nicht realisierbar war. Etwa Felice Venanzoni, auf der Bühne umherirrend: Von vier dienstbaren Geistern, die dem „Sommernachtstraum“ entstiegen scheinen, wird er flugs in den Frack gezwängt und zu seinem Cembalo geführt. Dort wird er die Rezitative improvisatorisch auszieren und anspitzen. Auch sein Kollege beim Basso continuo, der Cellist Philipp Bosbach, schwingt sich erstmal auf der Bühne in Pose, bevor er ins Orchester verwiesen wird.

Auf Herbert Murauers Bühnenbau der Loy-Inszenierung von Mozarts „La finta semplice“ zurückgreifend, spielt Thoma geschickt mit der Architektur des Straßenbahn-Depots. Ihre Villa Anchise ist ein Holzgerüst, das noch weitere hölzerne Häuschen birgt, Refugien für die entnervten Paare auf der Suche nach einer neuen, haltbaren Beziehung. Wobei das Wunschtraum-„Home, sweet home“ auch mal winzig wirkt.

In dieser surrealistischen Szenerie mit blauem Himmel im Hintergrund, der sich nicht verändert, als ein Gewitter über Frankfurt niedergeht, wachsen Pflanzen im Zeitraffer aus dem Boden – wie die Sehnsucht der Protagonisten nach verlässlichen Verhältnissen. Doch zuvor wird die Beziehungsmalaise bis zum Wahnsinn gesteigert, die Paare turbulent durcheinander gewirbelt, Liebe sogar handfest betreibend; diskret verhüllt von Wäsche auf der Leine. Wenn alle richtig nass sind, wird in Morgenmänteln weiter an der Beziehungskiste gewerkelt. Irina Bartels macht Charaktere auch durch Klamotten deutlich.

Da verstrickt sich die „Gärtnerin aus Liebe“ (und mit Brille), die vom Ex nicht lassen kann, der sie vor Eifersucht fast erwürgte, in Widersprüche und ins Wurzelwerk eines Baumstumpfs, einer Krake nicht unähnlich. Brenda Rae überzeugt nicht nur in den Wahnsinnsszenen, sondern auch mit ausdrucksstarkem Sopran. Ihr Verflossener schwebt mit dem (Modell-) Hubschrauber ein: Jussi Myllys zeigt den Zwiespalt eine Strahlemanns auf Abwegen auch in den klangschön ausgesungenen Tenor-Arien. Auf ihn hat es Arminda abgesehen, als attraktive Zicke herausgeputzt. Anna Rybergs Sopran kann betören wie geifern. Ihr Ehemaliger steht lange auf verlorenem Posten, obwohl Jenny Carlstedt (Hosenrolle) über einen feinfühligen Mezzo verfügt.

Als Zofe Serpetta rückt Nina Bernsteiner, Mitglied des Opernstudios, in den Blickpunkt, mit starker Ausstrahlung und ebensolchem Sopran. Auf ihren Herrn, Don Anchise, hat sie es abgesehen und wird doch dem Diener Yuriy Tsiple folgen, ebenfalls vom Opernstudio, mit souveränem Bariton. Leer geht Michael McCown als Don Anchise aus, dessen lyrischer Tenor aufhorchen lässt; vor allem wenn ihm die Beziehungsmisere so richtig auf den Geist geht.

Ein wenig Sommernachtsspuk, ein bisschen „Figaro“ und das tiefgründige Moll des „Don Giovanni“: Keil setzt auf eleganten, opulenten, feinnervigen wie dramatisch fülligen Klang. Und hat auch „historische“ Naturhörner im Orchester. Dass nach dem Schlussakkord der Premiere ausgerechnet der Hornist von einem von der Bühne rollenden Blumenkübel getroffen wurde, war ungerecht ...

KLAUS ACKERMANN

Weitere Aufführungen: 24., 26., 27. Juni, 1., 3., 4. Juli

Quelle: op-online.de

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