Liebe kälter als der Tod

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Kompliziertes Beziehungsgeflecht: Vera (Verena Wüstkamp), Leopold (Viktor Vössing), Franz (Dennis Pfuhl) und Anna (Julia Schneider, von links)

Es ist das alte Zwistlied. Liebe schlägt um in Gewohnheit, Demütigung, Leid und Zerstörung. Giftpfeile werden abgeschossen. Von Sebastian Hansen

Rainer Werner Fassbinder hat „Tropfen auf heiße Steine“ 1965 als 19-Jähriger verfasst. Nach seinem frühen Tod 1982 wurde es im Nachlass entdeckt und 1985 uraufgeführt. Der junge Franz lässt sich von dem doppelt so alten Versicherungsvertreter Leopold verführen. In der nächsten Szene sieht er sich schon in die Rolle des Heimchens am Herd gedrängt: Unter Homosexuellen geht’s hier zu wie bei Mann und Frau. Franz’ Ex-Verlobte Anna will ihn zurück. Der unerwartet zurückgekehrte Leopold findet beide in einer eindeutigen Situation – und hat seine frühere Geliebte Vera bei sich. Perfekte Verwirrung!

Die durch „Tatort“-Folgen bekannte, oft am Fritz-Rémond-Theater inszenierende Regisseurin Sylvia Hoffman hat für eine Gastspielserie des Maintheaters im Frankfurter Autoren-Theater diesen Erstling des kurzzeitigen Intendanten des Theaters am Turm von den 60er Jahren ins Zeitalter des Laptops überführt. Das ist möglich, denn am Motiv hat sich nichts geändert. Melodram und Boulevardkomödie: Beides ist in der Vorlage enthalten, und Hoffman tut gut daran, die Balance zu halten.

Aufführungen in der Brotfabrik Frankfurt-Hausen:  2., 3., 4., 9., 10., 11., 16., 17., 18., 23., 24. und 25. Oktober

Der französische Filmregisseur François Ozon hat in seiner 2000 entstandenen Anverwandlung die Personen mit voyeuristischer Kamera auf Distanz gehalten. Fassbinder wäre vermutlich mitfühlender gewesen. Hoffman hält sie ebenfalls fern, wenngleich auf andere Weise. Im Hintergrund hat Ausstatterin Christine Pateisky ein in Warhol-Manier bunt vervierfachtes Abbild Leopolds aufgehängt, Symbol des seriellen Charakters der Handlung.

Die Figuren, triftig gezeichnet von Viktor Vössing (Leopold), Dennis Pfuhl (Franz), Julia Schneider (Anna) und Verena Wüstkamp (Vera), sind scharf konturiert. Der Versuchung zum albernen Effekt, der jeder Beziehungskomödie innewohnt, weil man’s ja nur zu gut kennt, erliegen Hoffman und das Ensemble nicht. Liebe ist kälter als der Tod: Dieser spätere Fassbinder-Titel wäre auch am Platz.

Quelle: op-online.de

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