Liebe siegt über politische Motive

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Heftige Ausbrüche der Liebe und der Rache durchlebt Anne Sofie von Otter als Frankfurter Médée in der Lesart von Regisseur David Hermann Foto:

Frankfurt - Marc-Antoine Charpentier wäre fast ein verhinderter Musikdramatiker geblieben. Sein Konkurrent Jean-Baptiste Lully, dem es als Hofkomponist Ludwigs XIV. gelang, die Fäden des Musiklebens in seinen Händen zu vereinen, ließ Charpentier nur als Komponist gewähren. Von Stefan Michalzik

So konnte Charpentiers „Médée“ erst 1693, sechs Jahre nach Lullys Tod, aufgeführt werden. Die Frankfurter Oper wartete nun Im Bockenheimer Depot mit der Frankfurter Erstaufführung der Charpentierschen „Médée“ auf. Die Tragédie en musique wurde erst 1984 in einer Inszenierung von Robert Wilson in Lyon zum ersten Mal wieder gespielt. Mit dem Fünfakter ist Charpentier gemeinsam mit dem Librettisten Thomas Corneille ein dramaturgisch gescheites, an etlichen Punkten mit der Konvention seiner Zeit brechendes Meisterwerk gelungen, das über seine eindringliche Plastizität und vorwärtsweisende Dramatik hinaus durch eine überraschend moderne Sicht auf die Figur der Medea hervorsticht.

Über Medea wird ungeachtet der Ungeheuerlichkeit ihrer Taten nicht gerichtet. Abweichend von der Tragödie des Euripides erschließt die Fassung von Thomas Corneille eine psychologische Sicht auf Kindsmord und Rachemotiv. Die „Privatheit“ des Gefühls der enttäuschten – und die Frau über die Mutter. Jason, der sich des Liebesverrats schuldig machende Gatte und Vater, handelt nicht aus Kalkül, sondern aus dem Zwang einer entflammten Liebe zu Creons Tochter Créuse.

Nächste Aufführungen am 24. und 26. Juni. Karten unter der Nummer 069/21249494.

Unter der Hand des italienischen Dirigenten Andrea Marcon präsentiert sich das Frankfurter Opernorchester unter Hinzuziehung einiger fachspezifischer Gäste in subtiler musikalischer Beredsamkeit als veritables Barockensemble. Der sich hervorragend einfügende Star des Abends, die in diesem Jahr mit dem Frankfurter Musikpreis ausgezeichnete schwedische Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter, versteht sich so kunstfertig wie unmittelbar ansprechend auf die in der französischen Barockmusik geforderte deklamatorische Rhetorik mit ihren stilisierten emotionalen Entäußerungen.

Anrührend in ihrer Liebe und furienhaft in der Rache: Diese beiden Facetten der Figur zeichnet von Otter plausibel. Der geschmeidig geführte Bassbariton Simon Bailey ist als Creon ein milde karikierter zynisch-unauratischer Machtmensch in Hausmantel und Schlafanzug. Eine wetterleuchtende Studie von Zerrissenheit gibt der Tenor Julian Prégardien in der Rolle des Jason. Prägnant changiert die Créuse der Sopranistin Christiane Karg zwischen kühl ausgestelltem Sexappeal und lyrischem Liebesbegehren. Stimmlich beweglich ist der Bariton Sebastian Geyer als Oronte.

Regisseur David Hermann gelingt es nicht, Charpentiers enge Verzahnung von Text und Musik in schlüssige Bilder zu überführen. Ausstatter Christof Hetzer hat die sich quer über die gesamte Breite der Industriebasilika erstreckende bürgerliche Wohnwelt samt Küchenzeile mit zeitgenössischer Katalogware für den gehobenen Anspruch möbliert. In der Tat sind es einzig die Sängerinnen und Sänger samt Orchester und Chor – hervorragend das von Christian Rohrbach präparierte Ensemble der Mainzer Hochschule – , die den Besuch der Aufführung lohnen.

Quelle: op-online.de

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