Liebe in Zeiten der Semiotik

Frankfurt - Sein Erfolg hat dazu geführt, dass Jeffrey Eugenides sich wie Lady Gaga fühlt, zum ersten Mal. Grund ist das Headset, das die Worte des US-Schriftstellers im ausverkauften Literaturhaussaal übertragen soll – was nach Eingreifen eines Technikers auch gelingt. Von Markus Terharn

Frankfurt ist neben Berlin, Hamburg und Stuttgart eine von vier deutschen Städten, in denen der 51-jährige Pulitzerpreisträger seinen Roman „Die Liebeshandlung“ präsentiert.

Mit dem fulminanten Debüt „Die Selbstmordschwestern“ und seinem noch überwältigenderen Einwanderer-Epos „Middlesex“ hat Eugenides hohe Erwartungen geweckt. Das hat er nun davon. Neun Jahre hat es gedauert bis zum Erscheinen des dritten Buchs; ein Band Kurzgeschichten ist in Vorbereitung. Zumindest die Lesung hält, was sich das Publikum davon versprochen hat. Der Kerl schreibt so klug wie süffig, sein Vortrag (auf Englisch) ist bestens zu verstehen. Noch fesselnder gestaltet Marc Oliver Schulze vom Schauspiel die deutschen Passagen.

Zuhörer stürmen den Büchertisch

Was macht die Lektüre von Liebesromanen mit denkenden und empfindenden Menschen? Diese Frage exerziert Eugenides am Beispiel dreier Charaktere an der Elite-Universität Princeton in den 80er Jahren durch. Plastisch exponiert er Madeleine, Literaturstudentin aus gutem Hause, die über den „Marriage Plot“ (so der unübersetzbare Originaltitel) forscht. Diese Form der Eheanbahnung im Roman des 19. Jahrhunderts, zugleich dessen Gattungsbezeichnung, scheint im Zeitalter des Dekonstruktivismus veraltet. Beim französischen Semiotiker Roland Barthes findet Madeleine einen Satz, der sie umhaut – dass „der Diskurs der Liebe heute von extremer Einsamkeit ist“.

So weit, so abstrakt. Leider reicht die Zeit nur, einen der beiden Männer in dieser Dreiecksgeschichte vorzustellen, den depressiven Leonard. Da wäre noch Mitchell, äußerlich mit mehr Zügen des Autors ausgestattet. Der gesteht im Gespräch mit der glänzend vorbereiteten, souverän dolmetschenden Felicitas von Lovenberg, dass er in all seinen Figuren steckt. Dies lässt sie lebendig wirken.

Eugenides, des Deutschen so weit mächtig, dass er den Ausführungen der Journalistin folgen kann, zeigt sich mit der Wiedergabe seiner tiefsinnigen Gedanken hochzufrieden. Und die Zuhörer stürmen den Büchertisch, gespannt, was die Lektüre mit ihnen anstellen wird.

Quelle: op-online.de

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