Liebeleien und bittere Satire im Wohnzimmer

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Näher als Friederike Nedelmann (links) kann eine Schauspielerin ihrem Publikum nicht sein. Das sitzt im Wohnzimmer und wird ab und an auch in die Handlung einbezogen.

Neun Quadratmeter Bühne, knappe 60 Quadratmeter Zuschauerraum, 1 050 Vorstellungen seit September 2004, zwei Schauspieler-Schwergewichte – in Personalunion auch Karten- und Getränkeverkäufer, Regisseur, Kulissenbauer und Schneiderin: Das ist „THEATER & nedelmann“ in Zahlen. Das Schauspieler-Ehepaar Friederike und Oliver Nedelmann nennt‘s Wohnzimmertheater. Von Michael Löw

Denn dort, wo die beiden sonst leben, lesen und essen, rücken sie an etlichen Abenden Sessel und Sofa zur Seite und schaffen Platz für ein Kleinkunsterlebnis der persönlichen Art.

Die Nedelmanns beweisen seit fast fünf Jahren, dass Kultur und Kommerz gute Nachbarn sein können. Sie haben die alten Meisterbüros auf der Industriebrache Bosch-Gelände gemietet und zwischen Supermärkten, Discountern, kleineren Geschäften und Caritas-Sozialstation ein Mini-Theater gegründet.

Ein wenig betrachten Friederike und Oliver Nedelmann ihr Wohnzimmertheater als Fortsetzung der Tradition eines Rudolf Rolfs. Der 2004 gestorbene Satiriker hatte Jahrzehnte lang zum „Salon d‘Esprit“ in sein Haus im nahen Waldacker eingeladen.

Der Flur ist eine von mehreren Requisitenkammern der Nedelmanns.

Nedelmann-Stücke haben nicht unbedingt den Rolfsschen Esprit. Offen, ehrlich, nah und unverstellt – so beschreiben die Wahl-Urberacher ihre Art von Theater. 119 Mal führten sie „Born in the GDR“ auf, eine deutsch-deutsche (Liebes)-Geschichte ohne Ostalgie. Auf Platz zwei folgen 117 Vorstellungen der bitterbösen Urlauber-Satire „Parmesan und Autofahr‘n“. Italien-Reisenden mit Kindern zwischen 12 und 16 sei ausdrücklich vom Besuch abgeraten. Sonst ist‘s Essig mit ungetrübter Familien-Ferien-Freude.

Daten und Fakten

„THEATER & nedelmann“ ist an der Ober-Rodener Straße 5 a in Urberach daheim und per Telefon unter 06074/4827616 erreichbar oder auf der Internetseite. Karten kosten 14 Euro (ermäßigt 8 Euro).

Die Nähe zum Publikum endet nicht, wenn der imaginäre Vorhang fällt. Nach jeder Vorstellung machen sich die Schauspieler schnell frisch und plaudern mit dem harten Kern ihrer Zuschauer in der Küche weiter. Besucher wie Akteure schätzen diese Form von Kulturkritik bei Bier, Rotwein und Wasser. „Es gibt bei uns keinen Raum, der nicht irgendwie fürs Theater genutzt wird“, stöhnt Oliver Nedelmann, wenn im Kampf Beruf gegen Privates mal wieder der Job gewonnen hat. Schlaf- und Arbeitszimmer sind zwar für Fremde tabu. Doch als Requisitenkammer oder Nähstube müssen sie auf jeden Fall herhalten.

Dem Nischentheater gehört nach Ansicht von Oliver Nedelmann die Zukunft. Egal, ob vorm Theater die Worte „Wohnzimmer-“, „Krimi-“ oder „Dinner-“ stehen: Eine überschaubare Spielstätte locke auch jüngeres Publikum an, während den großen Häusern in Städten wie Darmstadt eine Überalterung ihrer Zuschauer drohe.

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Fest angestellter Schauspieler in einem Staatstheater? Das ist für Oliver und Friederike allenfalls „ein letzter Notnagel“. Zumal sich‘s in der Nische einigermaßen komfortabel lebt. Das Wohnzimmertheater kommt ohne Subventionen aus. „Wir haben genügend Aufstrich aufs Brot“, widerlegt Oliver Nedelmann das Vorurteil von der brotlosen Kunst. Aber Investitionen sind auch im fünften Jahr nicht drin.

Quelle: op-online.de

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