Vom Lieben und Leiden einer Diva

Stilvoll und einnehmend betritt Hedwig die Bühne, eine glamouröse Transvestiten-Diva mit blonder Perücke, großzügigem Lidschatten und Glitzer-Lippenstift. Doch der Schein trügt, und zwar viel umfassender, als man zunächst vermuten würde.

Hedwig ist eigentlich Hänsel Schmidt aus Ostberlin, der sich aus Liebe zu einer Geschlechtsumwandlung überreden lässt. Was von der missglückten Frauwerdung bleibt, ist ein kläglicher Penis-Überrest, der „ärgerliche Inch“, der zum lebensbegleitenden Problem wird.

Hedwigs Geschichte ist gezeichnet von Sehnsucht, der Suche nach Liebe, von Enttäuschungen und Betrug. Als mittellose geschiedene Ehefrau in einem texanischen Kaff gestrandet, muss Hedwig mit ansehen, wie ihre große Liebe auf ihre Kosten zum Rockstar wird.

Ein Wechselbad der Gefühle, eine Achterbahnfahrt zwischen Grandesse und Schäbigkeit, Feierstimmung und Depression, pompösem Glam-Rock und traurigen Piano-Balladen. Ganz still wird es im ehemaligen English Theater in Frankfurts Kaiserstraße, als Hedwig mit ausgestreckten Armen fleht: „Please, love the front of me!“ Nur Momente zuvor hat sie noch die große Diva gegeben, die das Licht der Scheinwerfer sichtlich genießt.

Einerseits eine herrlich vergnügliche Angelegenheit, andererseits die leidvolle Lebensgeschichte eines Menschen auf der berührenden Suche nach sich selbst, aufgeladen mit subtilem, oft schwarzem Humor, messerscharfem Wortwitz und philosophischen Gedanken.

Nigel Francis, der das Musical inszenierte und produzierte, schafft diesen Spagat mit Leichtigkeit. In einer Mischung aus Gesang und Erzählung haucht er der facettenreichen Hedwig und ihrer bizarren Vita Leben ein, treibt die tragikomische Konzertsituation mit der musikalisch und stimmlich nicht minder hochkarätigen Liveband „The Angry Inch“ (Carlotta Wüstkamp, Bene Baum, Florian Baum, Winnie Rimbach-Sator, Michael Scheuber) auf die Spitze. Er singt und schreit, lamentiert und kokettiert mit jeder Faser seines Körpers. Ein Rundumereignis wie die „Rocky Horror Show“, das vom Premieren-Publikum enthusiastisch zelebriert wurde – inklusive aufwändig kostümierter Drag Queens. F. EHRHARDT

Bis 14. März, jeweils Mittwoch bis Sonntag (20 Uhr) im K52 Theater, Kaiserstr. 52, Frankfurt.

Quelle: op-online.de

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