Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“ beim Sommertheater im Büsinghof

Liebesbrief mit Achselschweiß

Illyrien, Land der Illusionen und Schauplatz von Shakespeares letzter romantischer Komödie, „Was ihr wollt“, ist eine Station der Londoner U-Bahn. Das mobile Telefonieren ist bis dorthin schon vorgedrungen. Freilich ähneln die Geräte Handfegern. Musik aber hört man von einem gewöhnlichen i-Pod.

Gleich in den ersten Minuten sind die ästhetischen Koordinaten von Norbert Kentrups Inszenierung abgesteckt, mit der die von Berlin aus umherziehende Truppe Shakespeare und Partner beim Sommertheater im Hof des Offenbacher Büsingpalais Station machte: Es wird zwar in historischen Kostümen gespielt, doch Illyrien ist ein Land des 21. Jahrhunderts. „Wenn die Musik Nahrung der Liebe ist, dann spielt bis zum Exzess.“ Ein zentraler Satz des vielleicht musikalischsten aller Shakespeare-Stücke. Hier macht man ein Musical daraus.

An Dreikönig ist die Ordnung aufgehoben. Ein junges Grüppchen nimmt dieses Angebot willig an. Gedankenkontrolle wird mit der Kettensäge betrieben. Man schnäuzt sich in die Perücke und parfümiert einen schurkischen Brief mit Achselschweiß. Mit der vermeintlichen Liebesverheißung soll Malvolio gefoppt werden, der als Haushofmeister Jux und Dollerei missliebig beäugt. Martin Lüttge gibt diesen Hüter der Ordnung mit einer dignierten, übersteigerten Steifheit. Dass er am Ende obsiegt, stellt die alte Ordnung wieder her.

Die nur wenige Meter tiefe Spielfläche, die Sybille Meyer entworfen hat, ist von vornherein auf ein Rampentheater angelegt. Man will direkt das Publikum anspielen. Vor Klamauk hat man keine Scheu, doch er wirkt gezügelt. Das Ensemble begleitet sich selbst an Keyboard, Gitarre und Flöte. Das sollte man besser konsequent durchhalten und auf die gelegentlichen Playback-Einspielungen verzichten. Julia Grimpe, die zwischen Gräfin Olivia und Andreas von Bleichenwang wechselt, hat eine tragfähige Gesangsstimme, manch andere Stimme ist arg dünn.

Shakespeare und Partner knüpft an die Bremer Shakespeare Company an, die mit ihrer ästhetisch freieren Form dem arrivierten Stadttheater eine Absage erteilte und sich aufs elisabethanische Theater besann. Die Aufführung mag das Etikett „ehrbar“ verdienen. Vom Theatersessel reißt sie nicht. Es ist nichts mit dem beschworenen Exzess; nah der Pause gar tun sich regelrecht spannungslose Momente auf. Aufbruch kann immer nur einmal sein. Er lässt sich nicht konservieren.

STEFAN MICHALZIK

Quelle: op-online.de

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