Liebeserklärung an den Tänzer

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Vincent Dunoyers Stück „Encore“ ist zu Gast im Frankfurter Mousonturm.

Frankfurt - Im klassischen Ballett war die Rolle des Tänzers in ihren Bewegungsabläufen von Seiten des Choreografen festgeschrieben. Allenfalls der Ausdruck stand dem Solisten für eine individuelle Ausprägung zur Verfügung. Von Stefan Michalzik

Der moderne Tanz hat die improvisatorische Entwicklung zum integralen Bestandteil des kreativen Prozesses gemacht. Die Persönlichkeit des Tänzers rückt, je nach Ausrichtung des Choreografen, stärker in den Vordergrund. Erfolgreiche Arbeiten erlangen den Status von Repertoirestücken – mit wechselnden Besetzungen. Vincent Dunoyers Stück „Encore“, das im Frankfurter Mousonturm zu sehen gewesen ist, geht von einer Versuchsanordnung aus. Der 1962 in Paris geborene Choreograf hat fünf junge Tänzerinnen und Tänzer dazu angehalten, sich Sequenzen, die er selbst einst als Ensemblemitglied bei Compagnien wie Anne Teresa de Keersmaekers Rosas, Etienne Guilloteau, Raimund Hoghe, Steve Paxton, Wim Vandkeybus und Wooster Group getanzt hat, anzueignen.

Das zeitgenössische Notationssystem im Tanz ist das Video. Zu Anfang von ,,Encore“ – über die eigentliche Entsprechung „Zugabe“ hinaus spielt Vincent Dunoyer dem Wortklang folgend mit der Bedeutung von „en corps“ für Verkörperung – sind in der Videoprojektion Tänzer im Probensaal zu sehen, die am Bildschirm Sequenzen nachvollziehen. Die Tänzer auf der Bühne tun es ihnen gleich. Unterschiedliche Zeitebenen überlagern sich. Alsbald fällt die Zwischenstufe weg: Vor den nur schemenhaft zu erkennenden Bildern der Originale entsteht ein neues Stück, das über alle Unterschiedlichkeit der Vorlagen und den fragmentarischen Charakter der einzelnen Teile hinweg eine eigene Einheit von ausgewiesener Homogenität bildet.

Die ganze Vorgeschichte verkümmert zum Hintergrundwissen. Es ist einzig der Tänzer in seiner Gegenwärtigkeit auf der Bühne, der zählt. Die Videoaufzeichnung verhält sich im Vergleich dazu wie eine tote Materie. Der Ansatz zu „Encore“ ist, wie bei Vincent Dunoyer üblich, ein formaler: Tanz über Tanz. Einesteils handelt es sich um eine Studie. Zugleich ist das Stück eine Liebeserklärung an den Tänzer. Denn durch ihn erst, im Moment der Aufführung, wird der choreografische Entwurf zum Ereignis auf dem Theater.

Quelle: op-online.de

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