Jean Racines „Phädra“ im Schauspiel

Liebeslabyrinth ohne Ausweg

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Phädra (Stephanie Eidt) gesteht ihrem Stiefsohn Hippolytos (Christoph Pütthoff), dass sie ihn liebt.

Viel Platz ist da nicht. Eine Metallwand, von Kerzen gedämpft beleuchtet, lässt zwei Meter bis zur Rampe. Die Öffnung, rechts, ist so schmal, dass keine zwei Menschen sie zugleich benutzen können. Kaum Bewegungsmöglichkeiten also für die Figuren. Von Markus Terharn

Das passt zu Jean Racines „Phädra“, Gipfel der französischen Tragödie, deren Beziehungsgeflecht keinen Handlungsspielraum bietet. Da ist die Einengung, die Regisseur Oliver Reese seinen Akteuren in den räumlich ohnehin beschränkten Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels auferlegt, konsequent.

Noch etwas hat Intendant Reese erkannt: Auf der Bühne passiert, in übertriebener Anwendung der Griechenregeln, nichts; alles Geschehen wird von Boten berichtet. Und ihm ist ihm aufgefallen, dass die Stärke des 1677 geschriebenen Stücks in seiner Sprache liegt. Simon Werles moderne Übersetzung behält (anders als Friedrich Schillers klassische) das originale Versmaß bei, für Gefühlsextreme poetischen Ausdruck findend.

Eine Art Hörspiel ist zu erleben

Phädra liebt ihren Stiefsohn Hippolytos, was sie hinter Schroffheit verbirgt. Als das Gerücht geht, ihr Gatte Theseus sei tot, sieht sie die Zeit gekommen, sich dem Gegenstand ihrer Begierde zu offenbaren. Doch dessen Herz schlägt für Aricia, fremde Gefangene am Hof zu Troizene. Da kehrt Theseus zurück und erfährt von dem vermeintlichen Ehebruch. Getreu den Gesetzen des Genres ist die Geschichte erst zu Ende, als sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat...

Weitere Aufführungen heute, 16., 22. und 28. Dezember.

Eine Art Hörspiel ist da zu erleben, dessen Darsteller in erster Linie vokal gefordert sind. Dafür stehen Idealbesetzungen zur Verfügung: Allen voran Stephanie Eidt in der Titelpartie, mit volltönender Stimme gesegnet, vom Flüstern bis zum Schrei verständlich. Christoph Pütthoffs Hippolytos verharrt seltsam passiv, gewinnt erst in der Auseinandersetzung mit dem Vater Kontur. Dem verleiht Till Weinheimer Züge tragischer Verblendung. Anlass zu verfehlter Hoffnung ist Henrike Johanna Jörissens lichte Aricia, Vollstreckerin des Unheils Franziska Junges düstere Önone, Spiegel und Kommentator Felix von Manteuffels ironischer Theramenes.

Vor Hansjörg Hartungs Kulisse und mit Elina Schnizlers Gegenwartskostümen gelingt Reese eine Inszenierung, die zwei pausenlose Stunden Konzentration verlangt – und sie bekommt. Mit Recht!

Quelle: op-online.de

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