Kultserie

„Es sind viele Tränen geflossen“

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„Lindenstraßen“-Schauspielerin Cosima Viola blickt ihrer Zukunft entspannt entgegen. Die 31-Jährige ist nebenbei Hundetrainerin und studiert Psychologie.

Nach 34 Jahren geht am Sonntag eine TV-Ära zu Ende: Mit Folge 1758 „Auf Wiedersehen“ verabschiedet sich die „Lindenstraße“ für immer aus dem Fernsehen. Die letzte Klappe fiel schon im vergangenen Dezember.

Offenbach/Köln – Cosima Viola, die 19 Jahre lang die rebellische Jack spielte, sprach mit uns über ihre Anfänge am Set, die Enttäuschung über die Entscheidung der ARD und ihre Pläne für die Zukunft.

Wie war der Abschied beim letzten Drehtag in Köln?

Es war schwierig und ein Abschied auf Raten, denn es gab viele letzte Drehtage der Kollegen, und das Team löste sich langsam auf. Der allerletzte Drehtag war krass, man fühlte sich wie betäubt. Es sind viele Tränen geflossen.

Wie bringt man eine 34 Jahre lang erzählte Geschichte zu einem würdigen Ende?

Das ist die große Frage. Unter Kollegen haben wir gegrübelt und rumgesponnen, aber in letzter Konsequenz haben es die Drehbuchabteilung und die Produktion entschieden. Ich finde, sie haben ein passendes Ende gefunden. Mehr darf ich nicht verraten.

Die „Lindenstraße“ war immer aktuell, was gesellschaftliche Ereignisse angeht. Das Coronavirus spielte in den letzten Folgen aber gar keine Rolle. Warum?

Die Aktualisierungen wurden immer nachgedreht. Das war das Alleinstellungsmerkmal der „Lindenstraße“. Aber wir haben ja kein Studio mehr, es gab Verkäufe für die Fans, wir haben nichts mehr zum Nachdrehen. Das Coronavirus wurde erwähnt und klingt auch noch kurz in der letzten Folge an. Es wird in der Postproduktion reingeschnitten.

Ihre Rolle, die eigensinnige Jack, hat eine steile Karriere in der „Lindenstraße“ hingelegt: Ihr erster Auftritt war als Straßenmädchen, 19 Jahre später ist sie Villenbesitzerin. Was könnte in der letzten Folge noch mit Jack passieren?

Der aktuelle Stand ist ja, dass sie wieder mit ihrem Ex-Freund Ben anbandelt. Dann trägt sie die Verantwortung über die Villa, die ihr Dr. Dressler vererbt hat. Das ist eine neue Lebensaufgabe, und die Frage ist, wie sie mit diesen neuen Bestandteilen in ihrem Leben umgeht ...

Sie haben als Zwölfjährige bei der „Lindenstraße“ angefangen. Wie kam’s dazu?

Durch ein Casting bei Horst D. Scheel, dem „Hauscaster“ der „Lindenstraße“. Ehrlich gesagt, war es eine Katastrophe: Ich war sehr aufgeregt und unvorbereitet. Ein paar Wochen später habe ich dann einen Anruf für ein zweites Vorsprechen bekommen, dabei hab’ ich mir nicht viel gedacht. Erst Jahre später habe ich erfahren, dass beim ersten Casting die Kamera nicht funktionierte und nur meine Vorstellung mit Namen und Alter auf dem Band war. Der Regisseur wollte mich noch mal sehen. Und beim zweiten Mal hat es dann geklappt. Das hat mir viel über das Schauspielerdasein gezeigt: Beim Casting ist auch immer Glück dabei. Bekommt man den Job nicht, heißt das nicht, dass man das nicht kann oder dass man nicht gut genug ist. Im Nachhinein scheine ich die Jack gut gespielt zu haben, sonst wäre ich nicht so lange dabeigeblieben.

Sie haben das Schauspielern als Teenie am Set gelernt?

Ich war schon in einer Agentur für Kinder, und ich hatte auch schon öfters vor der Kamera gestanden. Bei der „Lindenstraße“ war es dann viel „learning by doing“. Außerdem hat die Rolle der Jack ganz gut zu meinem Charakter gepasst. Zum Beispiel haben wir beide diese flapsige und direkte Art. Ich bin im wahren Leben ja auch nicht auf den Mund gefallen. Jack hat das Herz am rechten Fleck, das mag ich. Und ich finde es gut, dass die Rolle über 19 Jahre ihren Straßendreck nicht ganz verloren hat.

Hätten Sie trotzdem gern mal etwas umgeschrieben?

Eigentlich nicht. Was ich etwas nervig fand, war diese Stromaktion. Da hat Jack aus Kapitalismuskritik heraus angefangen, bei allen Strom zu schnorren. Das kam dann bei den Bewohnern der „Lindenstraße“ nicht gut an, was zur Folge hatte, dass es auch bei den Zuschauern nicht gut ankam. Denn die finden halt doof, was ihre Lieblinge in der Serie doof finden. Da hatte ich kurz Sorge, dass die Rolle einen Schaden davonträgt. Hat sie aber nicht.

Wirkte sich das, was im Fernsehen mit Jack passierte, auf Ihr Privatleben aus?

Nö. Die Serie hatte immer Fans, aber nie eine starke kommerzielle Präsenz. Mein Privatleben war entspannt, ich wurde höchstens mal auf der Straße nett angesprochen.

Welche Reaktionen kommen von Fans zum Aus der „Lindenstraße“?

Die sind natürlich traurig. Für viele ist es echt mehr als eine Serie. Gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit, in der sich alles verändert, war die „Lindenstraße“ immer noch da, seit 30 Jahren mit denselben Leuten. Letztens hat eine Frau beim Aquafitness meine Hand genommen und sich bedankt: Sie ist vor 30 Jahren mit ihren Kindern nach Köln gezogen, die „Lindenstraße“ war lange Zeit eine Konstante und ein Wegweiser in ihrem Leben. Ein anderer Fan hat mir erzählt, dass sie immer mit ihrer Mutter die „Lindenstraße“ geguckt hat. Sie ist jetzt gestorben. Für die Tochter ist es ein doppelter Abschied.

Wie haben Sie davon erfahren, dass die Serie eingestellt wird?

Ich sollte an dem Tag noch drehen. Da kam ein Anruf von einem Freund, der hinter der Kamera arbeitete. Der meinte: „Oh Gott, wie krass.“ Und ich: „Was denn?“ Er: „Check mal deine Mails.“ Dann hat ein anderer Kollege mir eine Nachricht aufs Handy geschrieben mit dem Wort „Scheiße“ und einem traurigen Smiley. Ich habe erst gedacht, es sei jemand gestorben. Dann habe ich die Mail gelesen und gedacht: Krass. Fuck. Mit durchwachsenen Gefühlen bin ich zügig in die „Lindenstraße“ gefahren. Am Set wurde das persönlich verkündet, aber es waren nicht alle da. Solche Informationen kommen natürlich immer dann, wenn man nicht damit rechnet.

Was war der Grund? Gab es eine offizielle Erklärung?

Die gab’s nicht. Die ARD hat ihr Mitgefühl bekundet. Und der WDR hat es selbst nicht verstanden. Auf der anderen Seite: Wenn man sich die Zeiten anguckt, in denen wir leben, dann ist so etwas wie die „Lindenstraße“ wohl ein Luxusprodukt. Wäre in unserer Gesellschaft Nachhaltigkeit normaler, würde man eine solche Serie auch als wichtig empfinden.

Was ist das Nachhaltige an der „Lindenstraße“?

Sie versucht, gesellschaftliche Themen möglichst komplex und aus verschiedenen Perspektiven darzustellen, ob Rechtsradikalismus, Flüchtlinge, Klima oder etwa das Thema Fukushima. Da wird keine Meinungsmache betrieben, sondern verschiedene Standpunkte gezeigt, geknüpft an Charaktere, mit denen man sich identifizieren kann. Ich glaube, viele Menschen haben ihre Meinung zu Homosexualität deshalb geändert, weil sie Carsten Flöter gern mochten. Oder jetzt die Sache mit Konstantin, der hebephil ist. Er ist ein sympathischer junger Mann, der ein spaltendes Thema verkörpert, was aber dazu führt, dass sich die Menschen mit dieser Problematik auseinandersetzen. Und da gibt es tatsächlich nichts Vergleichbares im Fernsehen.

Kritiker sagen, die „Lindenstraße“ habe es verpasst, sich zu modernisieren.

Das ist leicht gesagt. Es ist aber verdammt schwer, eine Serie, die über Jahre gewachsen ist, so zu ändern, dass neue Zuschauer dazu geholt und die alten nicht vergrault werden. Und es ist nicht so, dass nichts gemacht wurde. Neue Drehbuchautoren wurden ins Boot geholt, man hat die Regie aufgefrischt. Ich finde, dass sich die „Lindenstraße“ toll entwickelt hat. Die Quote ist zwar von sieben, acht auf zwei Millionen gesunken. Aber es gucken ja auch insgesamt weniger Leute Fernsehen und viele Junge im Internet. Ich finde, dass die „Lindenstraße“ mehr als Bildungsauftrag hätte gesehen werden müssen. Und weniger als reines Unterhaltungsprogramm.

Mit der Absetzung der Serie ist für die Darsteller ein fester Arbeitsplatz verloren gegangen. Was werden Sie jetzt tun?

Ich habe noch keinen festen Plan, aber eine gute Agentur, die zuversichtlich ist. Der Schauspielerei werde ich nie den Rücken kehren, das mache ich seit meiner Kindheit super gern. Aber ich hatte immer auch andere Sachen nebenher: Nach dem Abi habe ich eine Ausbildung zur Hundetrainerin gemacht, in dem Beruf arbeite ich auch hin und wieder. Derzeit mache ich meinen Bachelor in Psychologie und arbeite aktuell als Assistentin für einen Motivaufnahmeleiter bei einer Kinoproduktion.

Sie sind gewissermaßen am Set erwachsen geworden. Was nehmen Sie aus der Zeit bei der „Lindenstraße“ mit?

Ganz viel. Ich habe so viel gelernt und bin extrem dankbar: Ich hatte durch die „Lindenstraße“ ein privilegiertes Leben mit genügend Zeit für Hobbys, Reisen und meinen Hund, den ich viele Jahre mit zur Arbeit nehmen durfte. Ich konnte meine Mutter damals finanziell etwas entlasten, die als freiberufliche Musikerin gearbeitet hat und sich für meine Schwester und mich das Letzte vom Mund abgespart hat. Vor allem aber habe ich bei der „Lindenstraße“ auf ewig und aus tiefstem Herzen verbundene Menschen getroffen. Wir haben zusammen das letzte schwere Jahr gewuppt. Der Abschied hat uns noch mehr zusammengeschweißt. Ich bin enorm glücklich, dass ich Teil dieses einmaligen Projekts „Lindenstraße“ sein durfte.

Das Gespräch führte Lisa Berins 

Quelle: op-online.de

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