Literatur pubertär verniedlicht

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Johannes Kühn, Lisa Stiegler und Benedikt Greiner lesen und spielen Kubin.

Frankfurt - Dieser Text steckt voller bildhafter Phantasmagorien – ein gefundenes Fressen für das Theater. Von Stefan Michalzik

Und die Box des Frankfurter Schauspiels, diese wunderbare, enge, ins Foyer gezimmerte Baracke, scheint der rechte Ort; ist sie doch bekannt für den Charme spielfreudiger Theaterminiaturen.

Tierlautartige Schreie dringen durch die gerade geöffnete Tür und vermitteln die Vorahnung eines turbulenten Abends. Christopher Rüping hat sich den auf das Jahr 1909 zurückgehenden fantastischen Roman „Die andere Seite“ des österreichischen Grafikers und Schriftstellers Alfred Kubin vorgenommen, der ihn selbst illustriert hat. Zunächst liest das Schauspielertrio Lisa Stiegler, Benedikt Greiner und Johannes Kühn vor der Bretterwand nach Manier einer Sprechpartitur aus einer antiquarischen Schwarte, die für Kubins Autobiografie „Aus meinem Leben“ stehen soll. Sie singen im Chor und quaken wie Frösche.

„Die andere Seite“

Kubin, der expressiv gezeichnet, für den „Simplicissimus“ gearbeitet, mit Franz Marc und Paul Klee ausgestellt hat, handelt in „Die andere Seite“ von jugendlichen Foltertaten an Tieren, ersten Liebeswallungen, dem Verhältnis zum Vater, Eheschließung und Erwerb des Landguts Zwicklstedt bei Wernstein am Inn, auf dem er von 1905 an bis zu seinem Tod 1959 gelebt hat.

Weitere Aufführungen auch am 2. und 3. Oktober.

Bald sieht sich das Publikum in die Box und damit in Szenen aus dem Roman hineingezogen. Aus einem Fächerarsenal mit altertümelnden Requisiten verkleiden sich die Komödianten. Ein Ehepaar mit Parallelen zum Autor und seiner Frau siedelt sich auf Einladung des Schulfreunds Paul Patera in Perle, Hauptstadt eines innerasiatischen Traumreichs, an. Dort geschieht Schauerliches – bis zur Zerstörung nach einem Streit des Herrschers Patera mit einem Widersacher. Es schwingt mit, dass es sich um eine Phantasmagorie des Erzählers handelt, der am Ende als einziger entkommt.

Leider erschöpft sich die Inszenierung in Routine mit nicht mehr als mediokrem Regieniveau. Zu selbstgenügsam ist das Kleinklein einer theaterpubertären Literaturverniedlichung. Ähnliches war an dieser Stelle schon viel gewitzter zu sehen.

Quelle: op-online.de

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