Live aus dem Schloss: Literaten im Kreuzverhör

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Der Hessische Rundfunk sendet mit Moderator Peter Härtling (mit Kopfhörer) live aus Schloss Fechenbach. Auf dem Podium sitzen hr2-Hörer Klaus Benz aus Fürth (von links) sowie Irene Ruttmann und Martin Konietschke.

Dieburg - „Der Graf, der sogleich hiervon Nachricht erhielt, brach in einem unbeschreiblichen Zorn aus. Er behandelte diese Tat als das größte Verbrechen, qualifizierte sie zu einem beleidigten Burgfrieden und ließ durch seinen Gerichtshalter die strengste Inquisition vornehmen. Von Michael Just

Er behandelte diese Tat als das größte Verbrechen, qualifizierte sie zu einem beleidigten Burgfrieden und ließ durch seinen Gerichtshalter die strengste Inquisition vornehmen. “ Einfach ist es nicht, aus wenigen Sätzen Autor und Titel eines Werkes zu erkennen.

Die kleine Runde von Dieburgern, die am Samstagabend im Schloss Fechenbach Platz fand, erwies sich aber gleich mehrfach in der großen Literatur zuhause: „Das ist aus Goethes ,Wilhelm Meisters Lehrjahre’“, hatte Prof. Dr. Werner Münkler umgehend die Antwort parat.

Am Wochenende waren belesene Köpfe gefragt, als die Sendung „Literatur im Kreuzverhör“ aus der Reihe hr2-kultur mit Peter Härtling im Schloss Fechenbach zu Gast war. Dort konnte das Thema „Schlösser und Schlossherren“ kaum besser passen. Ein Ü-Wagen und zwei weitere hr-Fahrzeuge hatten sich in der Eulengasse postiert, um das literarische Ratespiel live über den Sender zu schicken.

Der Schriftsteller und Redakteur Peter Härtling ist der älteste Moderator des HR. Seine Sendung aus wechselnden hessischen Städten und Gemeinden gilt nach drei Jahrzehnten (seit 1975) als Klassiker. Der Kontakt zu den Radiomachern von hr2, wo eher das Wort als die Musik zählt, kam durch den Museumsförderverein zustande.

Wer erkennt den Autor?

Die Spielregeln für die Sendung sind einfach: Eine Textpassage wird vorgelesen, danach haben die Gäste vor Ort als auch die Radiohörer per Telefon die Chance, das Werk anhand von Rhythmus, Ausdrucksform oder Inhalt zu erraten. Im Schlepptau hat Härtling stets eine kleine Runde von Literaturexperten, die anschließend kurz über den gesuchten Autor und sein Werk in schöngeistigem Gespräch plaudern.

Am Samstag waren das die Autorinnen Hanne Kulessa und Irene Ruttmann sowie Literaturkritiker Uwe Wittstock. Die Gastgeber vertrat der Dieburger Künstler und Bildhauer Martin Konietschke. Er präsentierte sich als gute Wahl: Sowohl zum Thema Thomas Mann, Marie von Ebner-Eschenbach und Karl Kraus konnte er interessante Einwürfe geben.

Literatur der 20er Jahre mit Tucholsky und Benn

„Vorbereitet habe ich mich nicht. Auf sowas kann man sich auch nicht vorbereiten“, sagte Konietschke, der vor der Sendung verriet, dass bei ihm zuhause ein paar hundert Bücher - vor allem lyrischen Ursprungs - in Doppelreihen stehen. Vor allem die Literatur der 20er Jahre mit Tucholsky und Benn lassen sich seinen Worten nach bei ihm finden. Sein zuletzt gelesenes Buch: „Hiob“ von Joseph Roth.

Über die 90 Minuten fehlte es an interessanten Einwürfen auf dem Podium nicht, das versuchte, seinem Expertenstatus gerecht zu werden. „Große Künstler müssen keine netten Menschen sein“, war man sich zu Thomas Mann einig. Seine kalte, gnadenlose Genauigkeit in seinen Beschreibungen mache ihn zu einem unangenehmen, fast verräterischen Zeitgenossen an seinen Mitmenschen, hob Wittstock heraus. Nicht nur der Inhalt der Sendung stimmte nachdenklich , sondern manchmal auch das Format selbst, das gar nicht so recht in die heutige bekannte Medienlandschaft passen will, in der nur noch laut, schrill und möglichst viel Werbung zählt.

Belletristische Schnitzeljagd

Wie Härtling einmal anmerkte, macht ihm die Eile unserer Epoche Angst. Die Sprache leide in einer Zeit, in der Kommas zur Mangelware würden und deren Fehlen einst noch ein Weltuntergang bedeutete.

Sieben Mal begab sich Härtling auf eine belletristische Schnitzeljagd und fand dabei fast jedesmal belesene Dieburger vor: Neben dem Goetheexperten Prof. Dr. Werner Münkler waren das Hildegard Stauß bei Marie von Ebner-Eschenbach, Ingo Mahn bei Joseph Eichendorff und Gisa Enders bei „Das Schloss“ von Franz Kafka.

Der letzte Treffer war allerdings einem kleinen Zufall zu verdanken: „Im Rahmen meines Literaturseminars, an dem ich gerade teilnehme, habe ich erst heute mittag in dem Buch gelesen“, sagte Gisa Enders zu ihrer Kafka-Annäherung, die sich in diesem Fall doppelt auszahlte und sie als Prosa-Kennerin über den Äther schickte.

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