Loblied auf die Macht der Liebe

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Michael Quast führt als kabarettistischer Erzähler durch die Handlung.

Der Schäfer Acis auf Sizilien liebt die Meeresnymphe Galatea. Sie ist ihm auch zugetan. Der Zyklop Polyfem aber, ein ungebetener Verehrer, reißt in rasender Eifersucht einen Felsen aus und schleudert ihn auf die Liebenden. Von Stefan Michalzik

Acis wird erschlagen, Galatea flieht ins Meer. Am Ende aber sind die Liebenden doch vereint: Galateas Vater Neptun verwandelt Acis in einen Bach, und der fließt ins Meer. Georg Friedrich Händel schrieb das Musiktheater „Aci, Galatea e Polifemo“ 1708 für eine gräfliche Hochzeit in Neapel. Das Stück, das als Gemeinschaftsarbeit von Michael Quasts Fliegender Volksbühne und der in der Nähe von Dresden ansässigen Batzdorfer Hofkapelle beim Festival Barock am Main vor dem Höchster Bolongaropalast zu sehen gewesen ist, ist heute eine beliebte Petitesse am äußersten Rand des Repertoires, prominent eingespielt von Adrian Boult über Neville Marriner bis zu John Eliot Gardiner.

Bei dieser Pastorale, die von Mozart und Mendelssohn bearbeitet und aufgeführt worden ist, handelt es sich nicht um eine Oper im engeren Sinne. Mit der Folge mythologischer Szenen schloss Händel an die in England des 16. und 17. Jahrhunderts verbreitete Form der Masque an, einem Maskenspiel in prunkvoll festlicher Ausstattung. Der Prunk beschränkt sich in Höchst auf die Barockkostüme. Es wird auf der leeren Bühne gespielt. Die Requisiten haben Stefan Rath und Michael Quast, die als verantwortlich für die „Einrichtung“ – also nicht Regie – aufgeführt werden, auf ein Minimum begrenzt.

Lockenperückenträger Quast ist hübsch unterhaltsam

Händel sieht neben dem Sängertrio einen solistischen Chorspieler vor: Der Lockenperückenträger Quast treibt die Handlung rezitativisch voran, er kommentiert in der Manier eines Kabarettisten, und er führt in die Biografie des in Italien zwar erfolgreichen, nicht aber zur ersehnten Anstellung gekommenen Händel ein. Das ist hübsch unterhaltsam. Der sächsische Dialekt Händels ist natürlich ein dankbarer Standardlacher, zur Auslotung der Psychologie des Zyklopen wird C. G. Jung herangezogen. Der Verweis auf Polyphems Verhältnis zur Mutter fällt zwar in die Kategorie Küchenpsychologie, dem Amüsement aber tut das keinen Abbruch. Musiziert und gesungen wird freilich ernsthaft, im Sinne der barocken Affektenlehre. Die komödiantische Note, die mitunter mitschwingt, hält sich in einer wohltuenden Weise von einer blanken Alberei fern. Komik wird hier mit dem unerlässlichen Ernst hergestellt.

Das Barockinstrumentenensemble musiziert mit einer einnehmenden Frische. Der Zugriff ist beherzt, der Gestus tänzerisch beschwingt und doch geschmeidig, nicht zu barsch. Die feuerrote Gestalt des Polyfem von Bassbariton Raimund Nolte scheint aus einem Fantasyfilm eingewandert zu sein. Der Schäfer Aci ist partiturgemäß eine Hosenrolle, als Sopran knabenhaft über dem Alt Galateas angesiedelt. Nolte, Marie Friederike Schröder (Acis) und Britta Schwarz (Galatea) vermögen allesamt durch ein breites Spektrum des Ausdrucks, perfekte Artikulation, Phrasierung und darstellerische Agilität zu bestechen. Das ist weitaus mehr als das blanke sommerliche Entertainment: Hier wird in einer musikalisch sublim differenzierten Weise gespielt.

„Aci, Galatea e Polifemo“ lässt sich als dem Anlass einer Hochzeit gemäßes lyrisches Preislied auf die Macht der Liebe lesen. Der Schluss choral aber spricht prosaisch von der Ehe. „Der ist der Treu’ sich bewusst, der’s zweisam treibt. Fehlt’s auch an Lust, die Hoffnung bleibt.“

Quelle: op-online.de

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