Revolte und Ernüchterung

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Kapriziöses Radikaltheater: Christoph Pütthoff als Despot im Rotwein-Bad, Sandra Gerling als Attentäter Lorenzo.

Frankfurt - Seine Freunde wird dieser Abend in der Box des Frankfurter Schauspiels sicher finden, über die bejubelte Premiere hinaus. Gewieft ist das alles gemacht. Possierliches Radikaltheater in schönster Krudität. Ein feines, kapriziöses Arrangement. Von Sebastian Hansen

Mangelndes Formbewusstsein wird man dem bis zum vergangenen Jahr zum Ensemble gehörigen Schauspieler Sébastien Jacobi, der „Lorenzaccio Le Fou oder La Vie Un Film Noir“ inszeniert hat, gewiss nicht nachsagen können. Mit einem launigen Gestus bringt er eine Menge zusammen. Primäre Textgrundlage oder vielmehr Steinbruch ist das auf das Jahr 1836 zurückgehende, romantische französische Drama „Lorenzaccio“ von Alfred de Musset und seiner leidenschaftlich unglückseligen Liebe George Sand sowie deren Inspirationsquelle „Une conspiration en 1537“; Ausschnitte aus der populären Wutrede „Empört euch!“ des kürzlich verstorbenen einstigen Résistancekämpfers Stéphane Hessel kommen hinzu. Und manches andere.

Revolte und Ernüchterung: Florenz 1537, Paris 1832 (und 1968) überlagern sich mit dem Frankfurt der Gegenwart. Stichwort Blockupy. Eine unmittelbar vor der ersten Reihe aufwachsende Bretterwand, die auch als Projektionsfläche verwendet wird – Jacobi ist sein eigener Bühnenbildner, die Kostüme hat Raphaela Rose entworfen – tut sich mit Klappen und Türen mannigfach auf. Es sind immer nur Ausschnitte, in denen wir ein Quartett samt einem Musiker zu sehen bekommen. Gleich zu Beginn begießt sich der Renaissance-Despot Alessandro de Medici in seiner Badewanne mit Rotwein. Die Figur des Schauspielers Christoph Pütthoff wirkt in ihrem sich über moralische Fragen erhebenden Hedonismus aasig.

Im rhetorisch geschliffenen Disput mit Andreas Uhse obere Klappe, im Profil – als auf ein verantwortliches Handeln pochender Gott Filippo purzelt allerlei samt Stéphane Hessels populärer Wutrede umeinander. Ein lädierter Engel mit zerflossenem Kajalstift – Sandra Gerling als Attentäter Lorenzo – singt unter der Tür „Alles renkt sich wieder ein“ (Musik: Christoph Iacono).

Das fließt revuehaft dahin. Ohne dass einem die Zeit darüber lang werden müsste. Es passiert schließlich fortwährend etwas, in einem schleppenden Taumel. Per Filmeinblendung wird ein Kinderchor aufgeboten, mit der Kamera geht es hinaus in die Stadt. Sandra Gerling kündigt den Touristen auf dem Römerberg lauthals den Tyrannenmord an. Und erfährt dafür amüsierte Zustimmung. Vom Dach des Theaters aus, mit Blick auf eine gewaltige Baugrube und den derzeit noch als Sitz der EZB dienenden Bankenturm tut der vormalige Revoluzzer Daniel Cohn-Bendit ein wenig mit. Das ist perfekt komponiert. Es bleibt, im Sinne einer Zeitdiagnose, ohne Richtung. Saubere Arbeit. Kann man so machen. Hübsch.

Quelle: op-online.de

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