Kontroverse um Museumsneubau auf Mathildenhöhe

Lückenschluss oder Engstelle

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Olbrichs „Villa in Rosen“ auf einer historischen Postkarte.

Vor einem Jahr verkündete der Darmstädter OB Walter Hoffmann nicht ohne Stolz, das Sammlerehepaar Hans-Joachim und Gisa Sander für eine moderne Variation des 1901 von Joseph-Maria Olbrich gebauten Hans-Christiansen-Hauses gewonnen zu haben. Von Reinhold Gries

Der Magistrat stellte den Sanders das prominent am Ernst-Ludwig-Haus gelegene, 1100 Quadratmeter große Grundstück in Erbbaurecht zur Verfügung. Dort stand die farbenfrohe „Villa in Rosen“, 1944 von Brandbomben schwer getroffen und zerstört. Die Ruine des Jugendstilbaus war 1958 vollständig abgeräumt und durch den Ernst-Ludwig-Brunnen des Bildhauers Karl Hartung ersetzt worden.

Der siegreiche Entwurf des Leipziger Architektenbüros Schulz&Schulz im Modell.

Nun stellte die Sander-Stiftung mit OB Hoffmann und Mitgliedern der achtköpfigen Jury die 19 Entwürfe und Modelle des internationalen Architektenwettbewerbs zum „Museum Sander Mathildenhöhe“ vor. Die Sanders erklärten dazu, sie wollten mit dem neuen Museum für Darmstädter Malerei des 18. bis 20. Jahrhunderts ihrer Heimatstadt mehr Kulturprofil verleihen. Neubau und Betrieb wollten sie in zweistelliger Millionenhöhe aus eigener Tasche bestreiten. Alte Olbrich-Pläne von 1900 wollten sie in Absprache mit dem Denkmalamt neu beleben und „eine empfindliche Lücke schließen“. Denn das Haus Christiansen lag einst direkt an der Hauptachse der bedeutenden Bau- und Jugendstilausstellung.

Oberbürgermeister Hoffmann zeigte sich dankbar für das Engagement der Stifter: „Die Mathildenhöhe gewinnt das Profil zurück, das ihr Olbrich vor über 100 Jahren zugedacht hatte. Hier entsteht ein bedeutendes Dokument Darmstädter Kunst, das weit über die Stadt hinauswirken soll.“

Wie das baulich aussehen soll, zeigen bis 7. Juli Modelle, Grafiken und Texte in den Ausstellungshallen. Die Jury hat den Entwurf des Architekturbüros Schulz&Schulz Leipzig ausgewählt, während ebenso gelungene Einreichungen, darunter auch eine von David Chipperfield aus London, auf den Plätzen landeten.

Die Jury lobte den mit Backstein und Kupfer verkleideten Kubus: „Der Baukörper entwickelt sich aus dem Thema der Einfriedung und bindet sich dadurch sehr gut in das Gesamtensemble ein. Städtebaulich emanzipiert er sich von dem Vorgängerbau, indem er dessen ursprüngliche Orientierung aufgibt zugunsten einer eindeutigen Symmetrie, deren Achse die Treppenanlage zum Atelierhaus darstellt…Die Drehung des Baukörpers erzeugt im Vergleich zum Vorgängerbau einer größere Enge im Bereich des Atelierhauses.“

Und da setzte nicht nur die Kritik Dr. Ralf Beils ein, des Künstlerischen Leiters der Mathildenhöhe, den man spät in die Jury nachrücken ließ: „Der Wettbewerb hat zwar einen Sieger hervorgebracht, doch er hat auch gezeigt, dass der Bauplatz eigentlich zu klein ist für ein funktionierendes Museum. Die Begehung zeigt, dass dort keine städtebauliche Lücke zu schließen ist, sondern das Terrain eine wohltuende Großzügigkeit aufweist, die mit dem Neubau unwiederbringlich verloren wäre. Das Argument, ein Neubau würde die ursprüngliche städtebauliche Anlage Olbrichs wiederherstellen, entspricht nicht der Realität von 2010. Die historischen Sichtachsen von 1901 sind heute nicht mehr erfahrbar.“

Wer sich die Situation anschaut und die Bedeutung des Ernst-Ludwig-Hauses für den Jugendstil kennt, kann das nachvollziehen. Stattdessen schlug Beil einen Standort am Osthang vor – da, wo wirklich Lücken zu schließen sind.

Quelle: op-online.de

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