Einsam in der Masse

Chinesischer Künstler Luo Xu im Dietzenbacher Rathaus

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Ausnahmeerscheinung: Nach Paris ist Dietzenbach die zweite europäische Station des Künstlers, der die Identitätslosigkeit der chinesischen Gesellschaft aufgreift.

Dietzenbach - In Dietzenbach zeigt man Mut zur Größe, zu sehen in einer raumfüllenden Ausstellung im Rathaus. Von Reinhold Gries

Dessen wie ein Forum gebaute Empfangshalle ist recht geeignet, die monumentalen Installationen, Malereien und Plastiken des chinesischen Vorzeigekünstlers Luo Xu zu präsentieren. Die Schau ist erst die zweite Station in Europa seit Luos Pariser Gastspiel vor einem Jahrzehnt. Möglich wurde sie, über  8200 Kilometer und viele Kulturen hinweg, durch einen Freundschaftvertrag der Stadt mit der südchinesischen Großstadt Kunming und das Engagement des Unternehmers Norbert H. Kern.

Was Luo Xu da mit Kuratorin Esther Erfert aufgebaut hat, ist ungewohnt für unsere Augen. Auf der Oberfläche vieler lackierter Objekte und als Malfarbe dominiert das in China so wichtige Rot, kontrastiert von metallischem Grau, Silber und Chrom, zuweilen auch von Blau. Das hat etwas Minimalistisches, obwohl fliegende und wehende rote Mäntel der Serie „Soul Rend“ (Seelenriss) und noch mehr durchlöcherte rote „Billboard“-Trenchcoats und „A-E-Club“-Mäntel aus Stahl nicht nur im Faltenwurf körperlich wirken. Aus diesen übermannsgroßen Mantelobjekten sind die Menschen verschwunden, über vereinsamten Bekleidungsstücken treiben rote und graue Hüte ihr eigenes, vom Winde verwehtes Spiel. Das wirkt gespenstisch surreal und steht laut Luo Xu für die identitätslosen Milliarden Menschen um ihn herum wie für die Gesichtslosigkeit neuer chinesischer Millionenstädte. Klugerweise arbeitet der Künstler auch beim klassischen Borsalino á la Marlon Brando oder Al Capone nicht mit dem sozialkritischen Dampfhammer…

Eine Welt sexueller Fantasien

Luo Xus Ölmalerei „Soul Rend VI“

Luo Xu, der sich seit Angriffen auf seine Person Mitte der 90er Jahre in ein truolloartiges, vom ihm gebautes „Earth-Nest“ zurückgezogen hat, visualisiert neben skurrilen Phantasien Empfindungen in heutiger Welt. Das ist auch eine Welt sexueller Fantasien, zu sehen an der Serie „Legs“, die aus wohlgeformten Frauenbeinen surreale Gebilde aus Kunstharz machen. Seine „Eastern Venus 3“ ohne Körper ist nicht „sexistisch“, sondern endet in traditionell chinesisch eingeschnürten Füßchen, als wäre sie Kühlerfigur eines futuristischen China-Gefährts. Gegenüber geht es in vielfach zerklüfteter Kupfer-Skulptur „Mother and Son“ aus der „Leaves“-Serie um Vergänglichkeit. Selten hat man ein Blatt so machtvoll verwelken sehen.

Inmitten solcher Objekte und aus 100 Metallteilen bestehender „Tadpole“-Serie fühlt man sich eher klein – wie der zierliche 56-Jährige Ex-Unternehmer und Porzellanmaler selbst. Vor allem, wenn Luo Xu durch Hochhausschluchten geht, kommt er sich genauso kaulquappig vor wie tausendfach gestanzte Formen in seinen Stahlkörpern und Hochhaus-Variationen. „I am One of the Tadpoles – Ich bin eine der Kaulquappen“- lautet die Botschaft seiner City-Skylines, die er mit Erfert auf zwei Ebenen ins Rathaus gebaut hat. Ausleuchtung sorgt darin ebenso für Abwechslung wie Malerei, die sich auf spiegelnden Metalloberflächen verzerrt.

Variationen von Spermazoten

Auch auf großen Ein- und Mehrtafelbildern taucht als ornamentales Element die Kaulquappe auf, die oft ähnlich erfolglos durch die Welt zappelt wie Luo Xus Variationen von Spermatozoen. Blau verquirlt schwimmen sie durchs hauptsächlich rote, über fünf Meter breite Gemälde „Three Parts Water“, deren Baumkronen auch Krebstierchen oder Käfer sein könnten. Oder wachsen in „A Bug and the Tadpole“ zum käfrigen Krabbelwesen um ein amorphes Geiertier. Auch Schwärme in schlotrauchender Industrielandschaft sind getrieben vom System wie von unermüdlicher Lebensenergie, die man im Reich der Mitte „Qi“ nannte.

Weitere Informationen: „Luo Xu – Bilder und Objekte“ vom 1. bis 28. Februar im Rathaus Dietzenbach. Geöffnet: Montag, Mittwoch und Donnerstag von 7.30 bis 16 Uhr, Dienstag von 7.30 bis 18 Uhr, Freitag von 7.30 bis 12 Uhr

Quelle: op-online.de

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