Lust und Liebe zeitlos

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Mainzer „Butterfly“-Szene mit Alexander Kröner, Sergio Blazquez, Abbie Furmansky und Patricia Roach (von links)

Mainz - Lack und Leder sind im Spiel, wenn sich US-Leutnant Pinkerton in Nagasaki auf die Suche nach Unterhaltung begibt. Boxen kreisen, das Kaleidoskop der Lust-Angebote gibt Statisten in erotischer Pose frei. Von Axel Zibulski

Katharina Wagners Inszenierung von Giacomo Puccinis Oper „Madama Butterfly“ im Großen Haus des Staatstheaters Mainz dauert keine zehn Minuten, da hat Richard Wagners Urenkelin ein szenisches Ausrufezeichen gesetzt und angedeutet, dass ihre Sicht auf die 1904 uraufgeführte „Japanische Tragödie“ Zeitloses um Lust und Liebe thematisieren wird. Das Fernöstliche bleibt Kolorit, die Thematik des kulturell ignoranten Amerikaners Nebensache.

Manche Idee wirkt nicht schlüssig

Das Geschehen um die Geisha Cio-Cio-San zeigt Wagner als ein- gefädelt vom zur Hauptfigur aufgewerteten Heiratsvermittler Goro, der herbei gestikuliert, wie der Soldat die Geisha sozusagen im Katalog der Lustspielarten findet, wie sie einen Akt lang auf seine Rückkehr wartet und schließlich damit konfrontiert wird, dass er nach drei Jahren mit neuer amerikanischer Gattin zu ihr und dem gemeinsamen Sohn zurückkehrt. Kate Pinkerton ist Wiedergängerin Goros (Kostüme: Thomas Kaiser) – ein Trauma Butterflys? Jedenfalls eine von manchen Ideen, die nicht schlüssig wirken, weil Kate (Cornelia Langhals) in ihrem kurzen Auftritt eine Einfühlsamkeit gegenüber Butterfly zeigt, die Goro fehlt.

Das Warten Cio-Cio-Sans im zweiten Akt hat etwas von der fiebergebeutelten Passivität im dritten Akt aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“, und die legt sich auf die musikalische Gestaltung: Wann hat man Butterflys Sehnsuchts-Arie „Un bel di vedremo“ so neutral distanziert gehört wie von der routinierten, konditionsstarken Sopranistin Abbie Furmansky?

Wagner mag das assoziativ angelegte, aber austauschbare Kaleidoskop: In ihrer Bayreuther Inszenierung der „Meistersinger“ tummelten sich in einem Setzkasten schwellköpfige Geistesgrößen; ihr Nagasaki in Mainz (Bühne: Monika Gora) ist mit neonbeleuchteten, schräg geschichteten Boxen, in denen gelyncht wird, entfernt ähnlich. Im Vordergrund sehen wir, während Butterfly und ihre Amme Suzuki (dramatisch stark: Patricia Roach) im kühlen Mauerwinkel warten, wie Butterfly die Wand mit Wörtern wie „Peace“ und „Love“ beschreibt. Sie ist eben eine pubertäre Fünfzehnjährige, und als wir denken, jetzt fehlen noch „Hoffnung“ und „Glück“, schreibt sie „Hope“ und „Luck“ dazu.

Mehr Kraft als Subtilität

Wagner zeigt kein fernöstliches Rührstück; das ist gut. Doch ihr Assoziations-Geflecht mit der tiefen Tragik der Geschichte rührt nicht an; und das kann selbst das solide, aber selten tiefenscharf die motivischen An- und Vorausdeutungen ausleuchtende Philharmonische Staatsorchester unter der Leitung von Catherine Rückwardt nur eingeschränkt kompensieren. Mehr Kraft als Subtilität hat die orchestrale Einrahmung; beides fehlt dem Tenor Sergio Blazquez als Pinkerton vor allem oberhalb der Mittellage. Geschmeidiger klingt sein Begleiter Sharpless in Gestalt von Patrick Pobeschin, höchst präsent ist der Goro Alexander Kröners. Der Chor summt am Ende des zweiten Akts forciert aus dem Off.

Nächste Vorstellungen am 20. und 31. Januar, 28. Februar und 26. März.

War es enttäuschte Skandallust, die vor der Premiere zu abfälligen Reaktionen führte, als Intendant Matthias Fontheim ankündigte, Katharina Wagner sei zu ihrem erkrankten Vater Wolfgang abgereist? Dass die 31 Jahre alte Regisseurin Publikumsresonanz bisher gescheut habe, kann man ihr nicht vorwerfen. Das eher gemischte Echo nahm stellvertretend ihr szenischer Mitarbeiter Alexander Busche entgegen.

Quelle: op-online.de

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