„Ich mache keine Witze über den Holocaust“

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Komiker Oliver Polak

Frankfurt - Oliver Polak gilt als Deutschlands einziger jüdischer Komödiant. Jetzt tritt er mit seiner Show „Jud Süß Sauer“ zum ersten Mal in Frankfurt auf. Von Kathrin Rosendorff

2008 veröffentliche der 34-Jährige sein autobiografisches Buch „Ich darf das, ich bin Jude“. Darin erzählt er, wie es ist als einziges jüdisches Kind in Papenburg aufgewachsen zu sein. Der Wahl-Berliner war Viva-Moderator, Schauspieler und Schlagzeuger der Band Sternzeit.

Im Interview mit Kathrin Rosendorff erzählt Oliver Polak, dessen Vater mehrere Konzentrationslager überlebt hat, warum es ihn nervt, wenn Leute glauben, dass er Witze über den Holocaust macht, und warum er so gern beim Eurovision Song Contest antreten würde.

Sie nennen Ihr Programm „Jud Süß Sauer – Die Show“ ein „Jewsical“. Was ist das?

Oliver Polak: Das ist ein bisschen Kindergeburtstag für Erwachsene. Es gibt riesige Schäferhunde, Konfetti und Luftballons. Udo Jürgens taucht sehr intensiv visuell auf.  Meine Autobiografie habe ich wie bei meinem Buch „Ich darf das, ich bin Jude“ als Basis genommen. Zwischendrin ist nur Mikro und Stand-Up. Dann kam die Idee, Lieder einzubauen.  

Ihre Mutter hat gesagt, dass Sie singen, als wäre ein deutscher Panzer über Ihren Fuß gerollt. Hat sich ihre Meinung geändert?

Nein, sie findet es immer noch schlimm. Aber sie mag mein Programm. Zumindest ist sie nicht vorzeitig rausgegangen. Nur meint sie, dass mein Jiddisch wie von einem Antisemiten klingt... (lacht)

Nächstes Jahr tritt Lena beim Eurovision Song Contest für Deutschland an. Sie hätten das gern übernommen. Wieso?

Oliver Polak tritt mit „Jud Süß Sauer – Die Show “ am Dienstag, 30.11. und Mittwoch, 1.12., 20 Uhr, in der Frankfurter Käs, Waldschmidtstraße 19 auf.

Mehr Infos auf der Homepage der Frankfurter Käs.

Ich hätte es wirklich lustig gefunden, am Eurovision Song Contest teilzunehmen für Deutschland als deutscher Jude mit dem Lied „Lasst uns alle Juden sein“ und damit zu gewinnen. Das wäre Ironie der Geschichte. Dieses Lied ist ein zentrales Stück der Show geworden, und das Publikum singt laut mit.

Manche Kritiker werfen Ihnen vor, Sie machten Witze über den Holocaust...

Ich hatte mal die Situation, dass die Bahn gestreikt hat, da habe ich gesagt: „Liebe Lokführer, hättet ihr vor 70 Jahren gestreikt, hättet ihr uns eine Menge Ärger ersparen können.“ Dieser Witz geht ja auf Kosten der Bahn.

Ich mache keine Witze über den Holocaust, sondern darüber, wie die Leute mit dem Holocaust umgehen. Das ist ein großer Unterschied. Viele können mit dem Wort Jude nichts anfangen, haben nie einen Juden getroffen. Wenn ich in Comedyshows sage: „Ich bin Jude“, herrscht oft Irritation. Ich spiele auch mit Vorurteilen. Aber mit allen, nicht nur mit denen über Juden.

Was sagen Sie, wenn Ihnen Leute vorwerfen, Geschäfte mit dem Jude-Sein zu machen?

Komiker Oliver Polak will keinen Schlussstreich unter die NS-Vergangenheit.

Das ist eine Unverschämtheit. Ich bin Komödiant, Autor und Musiker und habe jüdische Wurzeln, die thematisiere ich auch. Damit spiele ich genauso wie Atze Schröder, der betont, dass er aus dem Pott kommt. Oder wie Eddie Murphy, der Programm damit macht, dass er schwarz ist. Am Ende hat das was mit Qualität und Humor zu tun. Ein Gag wird nicht besser, weil ein Jude ihn erzählt.

Wer kommt zu Ihnen?

Sehr, sehr gemischt. Ältere, Jüngere, Juden, Nicht-Juden, Moslems. Ich habe immer mehr amerikanische und englische Fans. Und welche aus Israel. Es gibt viele Übersetzungen im Netz. Neulich saß ich im Restaurant, da kam ein älteres Pärchen. Die Frau konnte mir auf Englisch mein ganzes Programm erzählen!

Gestern wurde ja der Präsident des Zentralrats der Juden neu gewählt. Sie bezeichnen den Zentralrat ja gerne als Miesepeter…  

Ich habe überlegt, ob ich mich bewerben soll. Dann stand ich morgens vor dem Spiegel und dachte Mist, das kann ich nicht machen. Ich kriege meine Mundwinkel nicht weit genug runter.   

Ihr Programm wird auch missverstanden nach dem Motto: Alles ist wieder gut, die NS-Vergangenheit kann man ruhen lassen...

Ja, ganz selten kommen Leute zu mir und sagen: Sie haben es endlich auf den Punkt gebracht, irgendwann muss mal Schluss sein! Dann antworte ich: Womit muss Schluss sein? Jetzt verkaufen wir Buttons, auf denen steht: „Schlussstrich, nein danke.“

 

Quelle: op-online.de

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