Machtpolitiker und Mordbuben

„Die Räuber“ des 18-jährigen Friedrich Schiller handeln von einer unseligen Verquickung: Revolution und Randale, politisch motiviertes Aufbegehren und Lust an Gewalt, angetrieben von Bruderzwist mit Vatermordmotiv. Von Stefan Michalzik

Das 1782 in Mannheim unter Tumult uraufgeführte Schauspiel, eins der zentralen Werke des Sturm und Drang, ruft Assoziationen zu 68er-Bewegung und RAF hervor.

Einer platten Darstellung aktueller Bezüge enthält sich Harald Demmers Inszenierung für die Burgfestspiele Bad Vilbel. Er bedient sich einer landläufigen Methode des Regietheaters, um die überzeitliche Dimension hervorzukehren: Marion Hauer entwarf heutige Kostüme; historisierende Uniformteile sind untergemischt. Karl Moors Bande tritt als Ledermachos auf. Bühnenbildner Oliver Kosteckas hat eine asphaltgraue, abfallende Rampe in die Ruine gesetzt, das Mauerwerk einbeziehend.

Die Inszenierung ist eine der Individuen, der antipodischen Paarungen. Karl Moor, vom Pfad der Tugend durch brüderliche Vortäuschung einer Verstoßung seitens des Vaters abgebracht, lässt sich auf einen Pakt mit Mordgesellen und Frauenschändern ein; der hünenhafte Christian Higer lässt selbst in der Verkommenheit Spuren philosophischen Feingeists erkennen. Der mangels Attraktivität auch körperlich benachteiligte Zweitgeborene Franz treibt sein Intrigenspiel samt Begierde nach Karls von Anja Schiffel zwischen Sentiment und Selbstbewusstsein wunderbar austarierter Geliebter Amalia entwaffnend offen. Dass der Machtpolitiker eine ebenso fatale Wirkung ausübt wie der Anarchist, ist keine schlechte Schiller-Pointe.

Den Freiheitsfuror des ungestümen Dramas vernachlässigt die klug eingestrichene Fassung bis zum Verschwinden. Das sind keine Revolutionäre, das sind simple Mordbuben. Als eine von vielen Lesarten geht das auf.

Nächste Vorstellungen: 23./ 24. Juni, 13./14., 30./31. Juli

Demmer erzählt mit einnehmender Klarheit – Theater, das keine vorherige Lektüre des Stücks fordert und sich ungebührlicher Vereinfachung enthält. Die ihren Anspruch einlösende Inszenierung erreicht das Niveau gehobenen Stadttheaters – für Festspiele ist das nicht wenig. Das famose Ensemble sah sich überschäumend gefeiert.

Quelle: op-online.de

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