Männerleichen am Wegesrand

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Nicht nur den Maler Schwarz (Michael Goldberg) bringt Lulu (Kathleen Morgeneyer) schier um den Verstand.

Eine „Monstretragödie“ hat Frank Wedekind sein „Lulu“-Stück genannt. In Stephan Kimmigs Inszenierung am Schauspiel Frankfurt gerät es indes eher zur „Monstrekomödie“. Jedenfalls bricht das Premierenpublikum ein ums andere Mal in Heiterkeit aus. Allerdings handelt es sich um ein Lachen der Art, die im Hals stecken bleibt... Von Markus Terharn

Kimmig greift auf die früheste Gestaltung dieses Stoffs zurück, der Wedekind in den 1890er Jahren intensiv beschäftigte. Das Ergebnis ist eine Fassung, die in fast drei Stunden der inhaltlichen Wucht sprachlich angemessenen Ausdruck gibt. Der Preis ist, dass am Ende viel Französisch und noch mehr Englisch geredet wird.

Dem Verständnis tut das kaum Abbruch. Das speist sich in erster Linie aus den Leistungen des Ensembles, von dem Herausragendes mittlerweile geradezu erwartet wird. In Kimmigs brutal direkter Personenführung werden die Schauspieler wieder allen Vorschusslorbeeren gerecht.

Figur ist nicht berechnend, sondern triebhaft

Wäre die Titelpartie entsprechend dem Typ Femme fatale besetzt, müsste Constanze Becker sie spielen. An ihrer Stelle ist Kathleen Morgeneyer zu erleben, die als stumme Tochter schon Bert Brechts „Mutter Courage“ dominiert; dort womöglich entgegen der Regie-Absicht. Auch hier ist sie eine Sensation. Ihre Lulu ist männermörderisch, doch kein Vamp. Sie bleibt ein mageres Kind, das nur 23 Jahre alt wird. Das sich vom Leben holt, was es will, also Sex. Das begehrt wird bis zum Wahnsinn, aber nicht treu sein kann. Und das sich durch gesellschaftlichen Aufstieg sowie jähen Absturz nie verändert.

Ihr Schicksal verdankt diese Lulu nicht äußerlicher Attraktivität, sondern ihrem inneren Wesen. Wie Morgeneyer dies hervorkehrt, wie sie schreit und lacht, springt und tanzt, einmal auch zur Gitarre singt, ist ein Naturereignis. Diese Figur, körperlich wie seelisch gern entblößt, ist nicht berechnend, sondern triebhaft. Und wenn Blut spritzt, wieder eine Leiche ihren Weg säumt, von erschreckender Gefühlskälte.

Weitere Aufführungen heute, 2., 4., 5., 21., 22. und 23. April.

Die Männer kommen da, logisch, nicht gut weg. Das gilt für Gatte Nummer eins, Dr. Goll, den Roland S. Blezinger als eifersüchtiges Weichei anlegt. Für Mann Nummer zwei, den Maler Eduard Schwarz, bei Michael Goldberg bis zur Raserei gesteigert. Für Gemahl Nummer drei, Franz Schöning, dem Till Weinheimer eine Glätte an der Grenze zum Öligen verleiht. Für dessen Sohn Alwa, als der sich Andreas Uhse hemmungslos erniedrigt. Für Schigolch, dessen Lüsternheit seine (angebliche) Vaterschaft ins Zwielicht rückt und den Michael Benthin stark heruntergekommen mimt. Für den Artisten Rodrigo Quast, bei Viktor Tremmel ein tumber Muskelprotz. Schließlich für den Mädchenhändler Casti-Piani, den Joachim Nimtz als skrupellosen Erpresser zeigt.

Dazu kontrastiert als einzige weibliche Begleitung die Geschwitz, Constanze Becker als sich demütigende Gräfin. Als einzig ernst zu nehmender männlicher Widerpart erweist sich Jack, Torben Kessler als eleganter Ripper von Welt.

Dass die Pause dramaturgisch zu spät liegt, nach dem Paris-Akt statt davor, ist übrigens einem aufwändigen Umbau von Martin Zehetgrubers weißer, gleißend ausgeleuchteter Bühne für den London-Akt geschuldet. Die Wirkung ist schockartig; mehr sei nicht verraten. Mit der Assoziation, die sich unweigerlich einstellt, wussten die Zuschauer erkennbar wenig anzufangen.

Quelle: op-online.de

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