Ein Märchen im Bahnhofsviertel

Sabine Waibel lasziv im Einspielfilm Foto: Sebastian Hannak

Es beginnt mit mächtig Gedöns. Wallender Nebel, das einleitende Trompetenmotiv aus Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“, obendrein die Kinofanfare zum MGM-Löwen. Das Darstellertrio schweift geräuschmacherisch im Raum umher: Dolby Surround.

Der junge Regisseur Simon Solberg will nochmal kräftig auf die Pauke hauen, bevor es mit dem Auslaufen der Intendanz Elisabeth Schweegers ein Ende hat mit der Dependance des Frankfurter Schauspiels an der Schmidtstraße. Über vier Abende hinweg schickt er unter dem Titel „Der Grimm-Code“ die als Märchensammler in die deutsche Literaturgeschichte eingegangenen Brüder Jakob und Wilhelm ins heutige Frankfurt. Am Rande der Aufführung der vier Episoden dieses „urbanen Märchenthrillers“ soll ein 90-minütiger Spielfilm entstehen, seine Premiere ist für das Abschlussfest angekündigt.

Sebastian Schindegger und Stefko Hanushevsky führen als fahrende Spielleute Jakob und Wilhelm „Dornröschen“ auf, mit Perücken, fliegenden Wechseln zwischen den Rollen und dergleichen Komödiantenhandwerkszeug mehr. Grimm nach Monty-Python-Art: Der als Dornenhecke in Erscheinung tretende Jakob probt in diesem Herr-Knecht-Verhältnis den Aufstand und rechnet Wilhelm als dem das Dornröschen aus dem Schlaf befreienden, sie küssenden und danach ehelichenden Prinzen die Delikte Naturzerstörung, sexuelle Nötigung und Zwangsheirat vor. Später stranden die nicht so erfolgsverwöhnten Mimen eines Motorschadens wegen mit ihrer Bauwagenidylle im Bahnhofsviertel.

Geld braucht’s, drum muss die künstlerische Ambition erst mal zurückstehen, sie gehen auf Arbeitssuche. Jakob wird als Bibliothekshelfer mit einem Mitbewerber, den er ausstechen soll, auf Probe eingestellt. Wilhelm scheint beim von Özgür Karadeniz pointiert scheinauthentisch gespielten türkischstämmigen Betreiber eines Internetcafés zwar keine Aussicht auf berufliche Erfüllung, zumindest aber menschenwürdige Bedingungen vorzufinden.

Nach einer Stunde endet’s mit einem klassischen Cliffhanger, und weiter geht’s mit Aschenputtel. Bis dahin gab es viele teils durchaus recht possierliche Aktion im Wechsel zwischen Bühne und Filmeinspielungen bei wenig ernstlichem Geschehen. Einen netten Jux will man sich machen, und dagegen wäre ja gar nichts einzuwenden – solange wenigstens ein gewisses Maß an Substanz vorhanden ist.

Davon freilich war nur in zagen Ansätzen etwas zu sehen. Allemal wäre Kurzweil eine Mindestanforderung, doch gab es manchen Leerlauf und zu viel Theaterverliebtheit in die eigenen Ideechen. Zu Optimismus gab dieser erste Schub keinerlei Anlass. So bleibt nur ein Harren, ob die Dinge, die da kommen, den bombastischen einleitenden Pomp im Spaß rechtfertigen können. STEFAN MICHALZIK

Auch am 30. April, 6., 13. und 29. Mai

Quelle: op-online.de

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