Im Märchenwald nichts dem Zufall überlassen

Die Absolventin der Hochschule für Gestaltung entdeckte ihren Märchenwald auch auf der Offenbacher Rosenhöhe.

Im Eingang des EVO-Turms hängt eine Fotografie von Astrid Korntheuer aus der Serie „Patagonien“: Ein Gewirr von Bäumen und Sträuchern ist zu sehen. In der zweiten Etage finden sich weitere Waldaufnahmen. Es ist kein romantischer Wald, der da abgebildet ist, sondern der aus Grimms Märchen, voll düsterer Dickichte und gefährlicher Geheimnisse.

Und obwohl es dort scheinbar finster ist, gelingt es Korntheuer, mit langen Belichtungszeiten ihrer Großbildkamera selbst geringste Kleinigkeiten präzise zu erfassen. Digitale Nachbearbeitung vervollständigt den Effekt, sie ändert den Lichteinfall, retuschiert Horizontlinien. Nichts ist zufällig, alles sorgfältig geplant. Das gibt den Naturaufnahmen etwas Artifizielles. Die Künstlerin, die an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung studiert hat, lässt Vordergrund und Hintergrund miteinander verschmelzen, so dass die Bilder in ihrer Flachheit fast ab strakt wirken. Eine Perspektive sucht der Betrachter vergebens.

Dem Katalog entnimmt der Besucher, dass sie den abstrakten Expressionismus von Jackson Pollock und die informelle Malerei von Per Kirkeby verehrt. Das fällt besonders bei ihren Arbeiten in der ersten Etage auf: Da finden sich merkwürdig gefüllte Räume, wie beispielsweise eine Art Höhle aus einem Holzboden, drei einfachen Stühlen, einem Tischchen und einer Lampe. Darüber hängt ein Tarnnetz der Bundeswehr, an der Wand sind drei Unterhosen auf der einen Seite und drei Postkarten auf der anderen befestigt. Es sähe aus wie eine Poetenklause à la Spitzweg, wenn nicht das merkwürdige Licht wäre. Wie in allen Arbeiten Korntheuers wirkt es geheimnisvoll, gedämpft und doch hypnotisch intensiv.

Die anderen Fotos bilden Stoffsammlungen ab, die mal mehr, mal weniger gelungen wirken. Statt des Walds sind Waren-Dschungel abgelichtet: Altäre aus Stühlen, Tapeten, Stoffen, Bildern, Schildern und Alltagsartikeln, Spuren von Marshmallows, Slipeinlagen, Q-Tips und Klebestreifen schaffen Schraffuren. Die Exponate entziehen sich der Deutung – surrealistische Kompositionen manifestieren Alpträume.

Es gibt zwei interessante Variationen des Themas: Einmal hat die Künstlerin Museumssammlungen fotografiert, das andere Mal beschäftigte sie sich mit dem genauen Gegenteil, absolute Reduktion – graues Feld, graue Düne, grauer See, darüber der unendliche milchige Horizont. TINA OWCZAREK

„Stories“ von Astrid Korntheuer noch bis 19. April in der Offenbacher EVO-Galerie im Turm, Goethering. Geöffnet: Donnerstag und Freitag 12 bis 13, Samstag und Sonntag 14 bis 18 Uhr

Quelle: op-online.de

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