Mäzenin und Malerin

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Hanna Bekker, Porträt Karl Schmidt-Rottluff (Öl, 1955)

Nirgendwo in Hofheim ist es ausgeschildert, das „Blaue Haus“ in der Staufenstraße am Kapellenberg, bis 1983 ein Zentrum des deutschen Expressionismus. Von Reinhold Gries

Die Stadt Hofheim und das Land Hessen verpassen bis heute die Chance, das erhaltene Parkgrundstück mit dem blauen gefachten Gründerzeithaus in ihren Besitz zu bringen. Dort residierte die hochdekorierte Mäzenin und Malerin Hanna Bekker vom Rath (1893- 1983) von den 20er Jahren bis fast zu ihrem Tod.

Dorthin oder auch in Bekkers Frankfurter Kunstkabinett pilgerten bis in die 70er Jahre viele Künstler, Literaten und Musiker. Um sich herum im Blauen und Roten Zimmer, in Bibliothek und Esszimmer, im Atelier und sogar im Schlafzimmer versammelte Bekker mehr als 500 klassisch moderne Werke und weitere 300 Kunstobjekte. „Brücke“-Künstlern wie Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel, später Ernst Wilhelm Nay bot sie über Jahrzehnte Logis, Förderung, sogar eigene Ateliers im oder am Blauen Haus. Während des Dritten Reichs hielt die Couragierte in Hofheim oder im Berliner Atelier die deutsche Moderne im Untergrund am Leben, um sie nach 1945 auf Auslandsreisen vorzustellen.

Schwerpunkt ist das Motiv der Figuration

Grund genug für den Kulturfonds FrankfurtRheinMain, sein Projekt „Phänomen Expressionismus“ auch im Stadtmuseum Hofheim zu zeigen, das die Vergangenheit des Blauen Hauses in einem virtuellen Rundgang erstmals sichtbar macht – eine großartige Computerarbeit, beruhend auf nie gesehenem Filmmaterial. Was man dabei sieht, ist in 100 Originalen aus 13 Museen und Stiftungen nach Hofheim zurückgekehrt. Schwerpunkt der Schau „Brücke und Blaues Haus“ ist das Motiv der Figuration, in Holz oder Marmor gehauen, in Bronze gegossen, in Holzstöcke geschnitzt und davon abgedruckt, auf Papier gezeichnet oder in Öl und Aquarell gemalt.

Wie nahe die „Brücke“ an afrikanischem Schnitzwerk war, ist augenfällig. Nicht nur im Vergleich mit Heckels Holzplastik „Trägerin“ oder Schmidt-Rottluffs Holzschnitten wie „Kniende“ und „Große Prophetin“, zu denen passende Druckstöcke aus Berlins Brücke-Museum gekommen sind. Gewollten „Primitivismus“ mit direkter, kantiger und unverfälschter Formensprache reflektieren Holzschnitte wie Heckels „Fränzi liegend“, Schmidt-Rottluffs „Frau auf Teppich“ oder Emil Noldes Aquarell „Südseekopf“. Schmidt-Rottluffs Plastiken „Sternenanbeter“ oder „Bernsteinmaske“ ähneln exotischer Kunst zum Verwechseln. Kraftvolle Emotion verbreiten Ernst Ludwig Kirchners farbige Linien in „Liebespaar“ und Alexej von Jawlenskys Studie „Ruhender Akt“ vor 1914 wie Louise Stomps’ Marmorplastiken „Nachdenkende“ und „Kauernde“ nach 1945.

„Brücke und Blaues Haus – Die Sammlerin Hanna Bekker vom Rath“ bis 20. Februar 2011 im Stadtmuseum Hofheim. Geöffnet Dienstag 10 bis 13, Dienstag bis Freitag 14 bis 17, Samstag/Sonntag 11 bis 18 Uhr

Wie offen Bekker daneben für klassische und kubistische Figuration war, zeigen weitere Glanzstücke des Hauses. Neben raren Zeichnungen und Aquarellen von Kirchner und Käthe Kollwitz finden sich schöne Bronzen Emy Roeders („Geschwister“, „Selbstbildnis“), eine Farbmeditation Jawlenskys, die kubistische Holzplastik „Tête d’une femme“ von Henri Laurens und der „Stehende weibliche Torso“ von Alexander Archipenko. Nicht zu vergessen Nays Zeichnungen, Schmidt-Rottluffs späte Aquarelle und vor allem von Bekker selbst gemalte Porträts des Musiker-Gatten Paul Bekker, von Schmidt-Rottluff und Nay, von Malerfreundin Ida Kerkovius. Eigene Bilder pflegte Hanna Bekker eher zu verstecken...

Quelle: op-online.de

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