Magische Momente mit Shakespeare

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Bücher und Partituren prägen den Arbeitsplatz von Norbert Abels.

„Very british“ in Wort und Ton gibt sich die Oper Frankfurt mit der deutschen Erstaufführung von „The Tempest“ des englischen Zeitgenossen Thomas Adès. Basiert doch das Drama auf William Shakespeares letztem Stück „Der Sturm“. Inszenieren wird es der zum Frankfurter Hausregisseur avancierte Brite Keith Warner. Von Klaus Ackermann

Mit Johannes Debus steht ein ehemaliger Frankfurter Kapellmeister am Pult, jetzt Musikdirektor der Opera Company Toronto (Kanada). Und als Luftgeist Ariel machte US-Sopranistin Cyndia Sieden schon bei der Uraufführung 2004 am Royal Opera House Covent Garden in London viel Wind. Premiere am Willy-Brandt-Platz ist am Sonntag, 18 Uhr.

Es ist ein Markenzeichen der Intendanz von Bernd Loebe, mit unbekannten Werken, die es verdient haben, aufgeführt zu werden, den Spielplan zu beleben“, sagt Norbert Abels, Chefdramaturg der Oper, in seinem mit Büchern, Partituren und Notizen vollgestopften Büro, dessen Regale er kurzerhand unter Denkmalschutz gestellt hat. Stammen sie doch von seinem Vorgänger Klaus Zehelein, der zur Gielen-Ära in Frankfurt gewirkt und dann die Stuttgarter Oper zu erstaunlicher Blüte gebracht hatte. Der Erfolg dieser Frankfurter „Oper à la carte“ mit Raritäten der Moderne wie Ernest Blochs „Macbeth“ oder Aribert Reimanns „Lear“, beide auf Shakespeare fußend und von Warner in Szene gesetzt, gibt den Machern Recht.

Ich kenne kein Haus, in dem Werke der Gegenwart nach der Premierenwoche noch so gut vom Publikum angenommen werden“, schwärmt der Mann fürs Kreative, der sich als Dramaturg international einen Namen gemacht hat; so mit Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in der Bayreuther Inszenierung von Tankred Dorst.

Kaum ein Stück, das so oft vertont wurde wie der „Sturm“, dessen magisch aufbereitete finale Erkenntnis – „Edler als die Rache ist die Tugend“ – viele Komponisten gereizt hat. Abels nennt Purcell, Beethoven (Sturm-Sonate), Tschaikowsky oder Frank Martin und schließt eine letzte Mozart-Oper aufs Libretto des Zeitgenossen Friedrich Wilhelm Gotter, „Die Zauberinsel“, nicht aus – wäre der Salzburger nicht so früh gestorben. Dieses vom (dank Luftgeist) allmächtigen Prospero verzauberte Eiland, eine schöne Utopie, erlebt einen Sturm, der die Welt letztlich vom Bösen reinigt. Der Chefdramaturg zieht Parallelen zu Shakespeares Zeitgenossen Christopher Marlowes „Doctor Faustus“ und dessen Erkenntnis-Frevel, der sich freilich, anders als der am Ende gütige Prospero, mit dem Teufel einlässt.

Ausgangspunkt für Warners Inszenierung ist ein Mensch am Abend seines Lebens, der Rückschau hält, so Abels. Der schließlich seinen Zauberstock abgibt – wie Shakespeare die Feder nach diesem Drama – und mit sich zufrieden stirbt. Bücher spielen beim Regisseur und seinem Ausstatter Boris Kudlicka eine wichtige Rolle, eine Art „Gehirnbibliothek“ nennt es Abels. „Shakespeares Gehirn-Zentrale, mit abrufbaren Figuren wie dem dämonischen Caliban, dem ätherischen Ariel, dem Liebespaar oder Diener und Narr.“ Durch Zauberei wird ihre Schuld bewusst gemacht, durch Reue finden sie zu sich selbst. Warners bühnengepflegte Dunkelheit sei wieder nicht zufällig, er setze auf Traumbilder, auf die Logik des Unbewussten.

Entsprechend ist die Musik von Thomas Adès eine Collage, der als Hoffnungsträger eines Publikums bezeichnet wurde, das sich mit den Atonalen und Seriellen schwer tut. Zitate lassen sich entdecken, von Händel über Wagner bis Copland. Andererseits scheut der in Benjamin Brittens Fußstapfen wandelnde, 1971 geborene Brite nicht vor Dissonanzen und rekordverdächtigen Koloraturen Ariels zurück, eine Partie wie auf Cyndia Sieden zugeschnitten.

Dies zu erforschen ist Aufgabe des Dramaturgen, der schon ein Jahr vor der Produktion mit Regisseur, Bühnenbildner und Dirigent in einen langwierigen Gesprächsmarathon geht, an dessen Ende sich die Inszenierung herauskristallisiert. Dann werde die Musik Sekunde für Sekunde szenisch durchgesprochen – ein gewaltiger Akt, sagt Abels, der das Ideal herrschaftsfreier Kommunikation erfüllt sieht, wie sie Philosoph Jürgen Habermas postuliert. Das hänge freilich vom Temperament des Regisseurs ab, „mal mit festen Vorstellungen übers Stück, mal von keinerlei Kenntnis getrübt“, spricht Abels aus Erfahrung, während der Proben auch eine Art Beichtvater und Mann für alles.

Dass der gebürtige Sauerländer, studierte Musiker und Theaterwissenschaftler eine Professur an der Essener Folkwang-Hochschule innehat und Fachbücher verfasste, spricht für einen 16-stündigen Arbeitstag. Sein bislang letzter Band heißt „Ohrentheater“ – man könne ihn als Briefbeschwerer nutzen, sagt Abels selbstironisch ...

Quelle: op-online.de

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