Suggestive Kraft der Bilder

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Doug Rickard „#82.948842, Detroit, MI. 2009“ (2010) aus der Serie „A New American Picture“

Frankfurt - Man muss das Maß der Dinge im Auge behalten, um bei „Making History“ im Museum für Moderne Kunst (MMK), dem Frankfurter Kunstverein (FKV) und dem MMK Zollamt nicht im Strudel politischer Propaganda zu versinken und der Suggestivkraft der Bilder und Videoinstallationen von mehr als 39 internationalen Künstlern zu erliegen. Von Sibylle M. Derr

James Mollison fotografiert Fans von Popgruppen und hat diese in der Serie „The Disciples“ verewigt. Es ist nicht schwer zu erraten, wen diese Personengruppe aus dem Jahr 2008 verehrt...

Deswegen ist es sinnvoll, einige Augenblicke vor der Fotografie Barbara Klemms zu verweilen, die Willy Brandt 1973 als einen nachdenklichen, weisen Buddha darstellt, dem Leonid Breschnew zu seiner Linken und Walter Scheel zu seiner Rechten huldigen. Die langjährige Pressefotografin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat hier ein hochpolitisches Thema als eine Art Sittengemälde abgelichtet. Mit ihrem Rückgriff auf historische Vorbilder ist sie in der Ausstellung, die sich damit auseinandersetzt, wie öffentliche Bilder unsere Wahrnehmung von Geschichte beeinflussen und sogar gestalten keineswegs allein. Michael Schmidt entwickelte mit seiner Serie 89/90 des Berlins der Wendezeit eine Poesie des Unspektakulären, indem er den Fall eines politischen Systems in Bilder kleidete, dabei aber eine unglaubliche Ästhetik entfaltet, eine gleichsam stille Größe.

Die Dokumentarfotografie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte die nächste Generation schon weiter. Auf Luc Delahayes OPEC-Konferenz von 2004, einer Darstellung im extremen Querformat, sind die abgelichteten Personen so sehr in gruppendynamische Gesprächsprozesse vertieft, dass -----man sich unweigerlich an die Gruppenporträts der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts erinnert fühlt und bei seiner Darstellung der Papsternennung 2003 im Petersdom stand das Historienbild Pate.

Kitschiges Ambiente mit grotesken Kindersoldaten

David LaChapelle spielt in seinem „Rape of Africa“ mit Naomi Campbell und Caleb Lane auf Botticellis Venus- und-Mars-Darstellung an, setzt dieses Paar jedoch in ein absurd kitschiges Ambiente mit grotesken Kindersoldaten. Einen ganz anderen, völlig unhistorischen Ansatz verfolgt Doug Rickard mit seinen Street-View-Aufnahmen, die überraschend künstlerisch sind. Sie fangen das wenig aufregende Leben in manchen amerikanischen Vorstädten ein, drei Typen laufen über die Straße, ein Rollstuhlfahrer mit Sheriff-Hut sitzt in seinem Vorgarten, ein Hund guckt gerade in die Kamera, eine Limousine steht an einer Straßenkreuzung im weichen diffusen Licht.

Der Reizüberflutung durch Werbung in knalligen Farben widmet sich der ehemalige Computer-Hacker James Howard, dessen tägliches Brot Spam-Mails sind, die er zu Fotocollagen zusammensetzt. Es gibt in der vom Kulturfonds Frankfurt initiierten Ausstellung unter dem Dach der RAY Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain allerdings auch Bilder von Gewalt. Kindern und Jugendlichen sowie suizidalen Personenkreisen ist von einem Besuch der Ausstellung abzuraten.

„Making History“ bis 8. Juli im Frankfurter Kunstverein, Museum für Moderne Kunst und MMK Zollamt. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10- 18 Uhr und Mittwoch 10-20 Uhr

Quelle: op-online.de

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