Vom Malen mit Strahlen

+
Teil der Arbeit „Das Geheimnis der grünen Schachtel“ der HfG-Absolventin Birgit Fischötter

Die 1957 im Emsland geborene Birgit Fischötter, Absolventin der Offenbacher Hochschule für Gestaltung, ging in ihrer feinsinnigen Kunst schon immer ungewöhnliche Wege. Ihrem Hauptthema „Licht und Farbe“ nähert sich die Malerin im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst (MfAK) auf spektakuläre Weise. Von Reinhold Gries

Die Künstlerin macht Röntgengeräte zur Black Box, durchleuchtet Museumsobjekte in speziell verpackten Kisten mit elektromagnetischen Strahlen, wie man sie aus der Medizin oder von Flughafenkontrollen kennt. Und wählt die inspirativsten Motive aus, um sie in Acryl fragil auszudeuten. Was dabei herausgekommen ist, in 27 Folien als „Geheimnis der grünen Schachtel“ krimiartig verrätselt, wirkt faszinierend. Zumal die Mischtechniken aus Fotografie und Malerei mit passenden Exponaten in räumliche Beziehung gesetzt sind.

Das Aufspüren der Bilder und Objekte in den Abteilungen für Mittelalter, Renaissance, Barock, Design und Ostasien gleicht einem lustvollen Suchspiel. Durchleuchtete Keramikschalen, Porzellanfiguren, Masken, Pokale und Prunkdolche erfahren durch die elektromagnetischen Wellen eine mysteriöse Transformation, in der sie ihrer Körperlichkeit wie ihrer scheinbaren Undurchdringlichkeit beraubt sind. Zu sehen ist, dass jedes Material anders auf Röntgenstrahlen reagiert und in einer anderen Farbe erscheint.

Einige Gefäße sind bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert. Andere erhalten medusenhafte Transparenz. Dichte Objekte aus Metall, Glas oder Muschelkalk scheinen zu schweben. Bei anderen Bildmotiven fransen die scharfen Konturen aus oder verflüchtigen sich beinahe im Nichts.

Mit welch analytischem Verstand, welcher Sensibilität sich Fischötter in ihre Aufnahmen vertieft, um sie zum Kunstwerk zu verwandeln, erinnert einerseits an den experimentierfreudigen Bauhauspionier László Moholy-Nagy, andererseits an des Autors Peter Handke reflexive Doppelperspektive seiner „Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“.

Der besondere Reiz der Arbeiten besteht in der Verbindung abstrakter Malerei mit figurativer Fantastik: Grüne Walrösser, Widderköpfe und ein Menschenfigürchen scheinen von gelben und roten Amöben umflossen. Wie aufgeschnitten wirkende Behältnisse enthüllen zarte Figurationen, derweil technoide Raumkörper von gespensterhaft monotypierten Tierumrissen umschwebt werden.

„Das Geheimnis der grünen Schachtel – Malerei/Röntgenfotografie von Birgit Fischötter“ im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt, Schaumainkai 17. Geöffnet bis 31. Januar Dienstag bis Sonntag 10 bis 17, Mittwoch 10 bis 20 Uhr

Teile eines Services werden in Fischötters Bildkosmos zu fliegenden Untertassen, neben denen ein tiefblauer Korpus von einem Teller auf imaginären Umlaufbahnen umkreist wird. Ein Nautiluspokal gewinnt neue, fast unwirkliche Qualität, zumal ihm farbige Luftblasen entweichen. Manch abstrakte Farb- und Formvariationen scheinen Johannes Ittens Bauhauswerkstatt entsprungen, während Dolche und Schnabelschuhe in Tausendundeine Nacht entführen, wo die Räumlichkeit klar gefügter Designermodelle fragwürdig wird.

So viel Durchblick irritiert – und macht nachdenklich, wie leicht die menschliche Wahrnehmung zu erschüttern ist. Birgit Fischötter ist es gelungen, Kunst, Erkenntnistheorie und moderne Technik zusammenzubringen.

Quelle: op-online.de

Kommentare