Grimms Märchen als Manga-Vorbild

Drastische Lesart eines Klassikers

„Blutrotkäppchen“ heißt der ´bei Tokyopop erschienene Band des deutschen Zeichners David Füleki.

Frankfurt - Vor 200 Jahren veröffentlichten die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm ihre Hausmärchen-Sammlung. Der Einfluss reicht bis in die heutigen Tage, so greifen japanische Manga-Genre gern auf Grimms Märchen zurück, wie das Frankfurter Institut für Jugendbuchforschung berichtet.

Als 1887 „Der Wolf und die sieben Geißlein“ in Tokio in einer mit Farbholzschnitten illustrierten Übersetzung erschien, konnte noch niemand ahnen, dass die Brüder Grimm heute zu den mit Abstand bekanntesten deutschen Literaten im Land der aufgehenden Sonne gehören. Inzwischen haben Grimms Märchen längst auch Eingang in den japanischen Comic gefunden. „Das hängt nicht zuletzt mit dem Wesen des modernen Manga als einer Form der globalisierten Populär- und Jugendkultur zusammen“, wie der Frankfurter Comic-Spezialist Bernd Dolle-Weinkauff im Wissenschaftsmagazin „Forschung Frankfurt“ darlegt. Das Institut für Jugendbuchforschung beschäftigt sich seit 1983 mit dieser Literaturgattung.

Schneewittchen, das sich beinahe in einen niedlichen Feenzwerg verliebt, der narzisstische Hänsel, der Klein-Gretel wegen der betörenden Hexe Hildegard im Wald stehen lässt, Jüngling Rapunzel, der die sportliche Jungfer Eva schwängert – diese Geschichten und einige andere mehr entstammen dem Universum der japanischen Comics des 21. Jahrhunderts und haben ihre Wurzeln in der deutschen Märchenwelt. Die Manga haben mittlerweile begeisterte Leser und Nachahmer selbst im Heimatland von Jakob und Wilhelm Grimm gefunden. „Was in Deutschland und den anderen westlichen Ländern gegenwärtig als Comic japanischer Herkunft entgegentritt, spiegelt häufig amerikanische und europäische Einflüsse wider, die das Resultat der Rezeption in diesen Ländern seit Beginn der 1950er Jahre sind“, sagt Dolle-Weinkauff. So gehen etwa die heute als so typisch japanisch geltenden tellergroßen Augen und kindlichen Proportionen auf Disney-Filme und Disney-Comics zurück, die vor über einem halben Jahrhundert in Japan ihren Siegeszug feierten.

„Grimms Manga“

Die für Kinder von erotischen und gewalttätigen Passagen gereinigten Märchen waren für die Manga nicht geeignet: „Denn die Manga setzen sich gern – in augenzwinkernder Übereinkunft mit ihrer Leserschaft – über allzu enge moralische und pädagogische Einwände hinweg“, wie der Frankfurter Comic-Spezialist erläutert. 1998 veröffentlichte Misao Kiryu den Erzählband „Grimms Märchen sind eigentlich grausam“ und bot damit eine neue und sehr viel drastischere Lesart als die bislang gewohnten an; auch vor dem Einsatz von Horror-Motiven machte er nicht halt. „Seitdem lässt sich beobachten, wie im Manga verstärkt Erzählungen aus den Kinder- und Hausmärchen aufgegriffen und recht freizügig umgestaltet werden“, hat Dolle-Weinkauff festgestellt.

Die „Grimms Manga“ von Kei Ishiyama, die der Verlag Tokyopop seit 2007 produziert, verfahren nach dem Prinzip des „Märchen-Verwirrbuchs“. Diese Bezeichnung brachte der Frankfurter Politologie-Professor und Hobby-Märchenautor Iring Fetscher auf, der den Prototyp dieser Märchen-Lesart bereits 1972 mit dem Band „Wer hat Dornröschen wachgeküßt?“ mit großem Erfolg vorstellte. „Kei Ishiyama deutet die Vorlagen mehr oder minder radikal um, verdreht Figuren, Motive und Handlungen parodistisch und führt die Erzählungen zu ganz neuen Pointen“, analysiert der Literaturwissenschaftler. So wird aus dem „Gestiefelten Kater“ ein selbst wandlungsfähiger Katzen-Dämon, „Der Froschkönig“ wie auch „Rapunzel“ erfahren eine höchst folgenreiche Geschlechtsumwandlung und das neue „Rotkäppchen“ heiratet wahrscheinlich ihren geliebten Wolf.

Kei Ishiyamas Grimm-Parodien haben mittlerweile Nachfolger in der deutschen Manga-Szene gefunden: „So hat David Füleki mit dem bezeichnenden Titel „Blutrotkäppchen“ das Grimm’sche Vorbild in Form einer Slasher-Komödie inszeniert, die in einem wilden ‚Märchen-Monster-Massaker’ endet. Bereits 2011 veröffentlichte Tokyopop einen ‚Grimms Manga’-Sonderband, an dem sich einige der namhaftesten Eleven des Manga-Stils aus dem deutschsprachigen Raum mit jeweils eigenen Märchen-Neuerzählungen beteiligten.“

Quelle: op-online.de

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