Manifest der Moderne

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Fridolin Frenzel, „Zwitschern und Schwirren“, 2008

„Die radikalen Künstler haben sich zu einer Sezession zusammengeschlossen... Erreichung des politischen, kulturellen, künstlerischen Kontakts, Tod aller Isolation!“ Mit diesen Gründungsworten von 1919 traten Künstler wie Max Beckmann, Ludwig Meidner, Bernhard Hoetger und Carlo Mierendorff in Darmstadt an die Öffentlichkeit. Von Reinhold Gries

Nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs wollten sie als „Kritische Masse“ fungieren, konnten aber weder Nationalsozialismus noch Zweiten Weltkrieg verhindern. Nach dem Krieg formte man die deutsche Kunstszene mit, organisierte Ausstellungen in europäischen Städten.

Volker Brüggemanns Eisenguss aus dem Jahr 2007

Nun zeigen 70 Sezessionisten vorwiegend Malerei, Grafik und Bildhauerei, festhaltend an dem, was man noch „klassische Moderne“ nennen darf. Beim Rundgang fällt die hohe Qualität ins Auge, vor allem der Skulpturen. Volker Brüggemanns vierteiliger Eisenguss, eine Mischung aus Stufenpyramide und Himmelsleiter, Hagen Hilderhofs kristalline Metallformen, zum konstruktiven Sinnbild geworden, oder Sigrid Siegeles „50 mal 50“-Installation, gebrannte Bauziegel aus Begrenztheit lösend.

In kräftiger Kontur schwingen Matthias Wills Edelstahlbögen in den Raum, in dem Vera Röhms „Würfelmodul mit Schatten“ ins Großformat geht. Wie ein Schmied hat sich Hannes Meinhard an Urformen abgearbeitet, während Barbara Eitels Faden-Raum-Zeichnung Dimensionen filigran abtastet. Armin Göhringers Holzstelen jonglieren – im Gegensatz zu Helga Föhls blinkenden Eisenstelen – aus schwankender Position. Schlichte Betongüsse Friedemann Grieshabers wirken wie archaische Opfergaben.

Mit Vexier-Effekten arbeitet Klaus Staudt

Ludmilla Seefried-Matejkovas farbig gefasste Terrakotta-Figuren sind von ebenso hinreißender Gegenständlichkeit wie Hubertus von Pilgrims Figurengruppe „Tour de France“. In sich zerrissen scheinen Eberhard Linkes Keramiktorso „Papst mit Schatten“ und Thomas Duttenhoefers bronzener „Kentaur“ zu sein, in sich geschlossen dagegen Gerda Biers „Arche“ aus Papier und Eisen. Mit Vexier-Effekten arbeiten Klaus Staudts feine Plexiglas-Bildkästen, Nikolaus Heyducks mystisch ausgeleuchtetes „Abklingbecken“ mit Geräuschen und Lichtreflexen.

„Kritische Masse – 90 Jahre Darmstädter Sezession“ noch bis 3. Januar im Ausstellungsgebäude der Mathildenhöhe. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr.

Aus der Vielfalt der Maler und Zeichner ragen hervor: Bernhard Jägers Figurenchiffren seines „Frankfurter Triptychons“, Thomas Grachowiaks aufblühende Farben zu Fallas „Nächten in spanischen Gärten“, Rainer Linds mysteriöse Zeichnung auf Papier, Fridolin Frenzels abstrakte Pinselhiebe zum „Zwitschern und Schwirren“. Neben Isabelle Dutoits geheimnisvollem Tableau „Schwimmen“ wirkt Farbfeldmalerei von Julia Philipps besonders rational. Meisterschaft bezeugen dynamische Tuschfigurationen Lisa Stybors, schillernde Treppungen Renate Sautermeisters – und Farbcollagen von Rolf Kissel.

Quelle: op-online.de

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