Mantel des Schweigens gelüftet

Auschwitz vor Gericht: Ein Stück Justizgeschichte als bewegender Spielfilm. Regisseur Giulio Ricciarelli

Frankfurt - Schon 1952 meinte Konrad Adenauer „wir sollten jetzt mit der Naziriecherei Schluss machen“. Doch der Wunsch des Bundeskanzlers wollte nicht in Erfüllung gehen. Von Christian Riethmüller 

Zwar wurden in den Fünfziger Jahren die Verbrechen der Nationalsozialisten sehr gründlich verdrängt, aber nicht alle Deutschen wollten den Mantel des Schweigens über die Ungeheuerlichkeiten breiten, die in den Vernichtungslagern geschehen waren. Vereinzelte Prozesse erinnerten daran, dass im Wirtschaftswunderland noch zahlreiche „Mörder unter uns“ waren, wie der Titel eines Spielfilms von Wolfgang Staudte hieß.

In jene Nachkriegsjahre, als Deutschland sich vor allem als (wieder) heile Welt zelebrieren wollte, bevor ein großer Prozess in Frankfurt ein Bewusstsein für die Verbrechen in Auschwitz schuf, entführt nun ein bemerkenswerter Spielfilm, der zum großen Teil in Frankfurt gedreht wurde. „Im Labyrinth des Schweigens“, das Langfilm-Debüt des deutsch-italienischen Regisseurs und Schauspielers Giulio Ricciarelli erzählt die Vorgeschichte des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, der maßgeblich vom hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer aufs Gleis gebracht wurde.

Doch nicht Bauer haben Ricciarelli und Elisabeth Bartel in ihrem Drehbuch in den Mittelpunkt gerückt, sondern den fiktiven jungen Staatsanwalt Johann Radmann, der von Alexander Fehling dargestellt wird. Dieser Staatsanwalt wird hellhörig, als der Journalist Thomas Gnielka (André Szymanski) im Gerichtsgebäude für Aufruhr sorgt: Ein Freund des Reporters hat in einem Lehrer einen ehemaligen Aufseher des KZs Auschwitz erkannt, doch niemand will seine Anzeige aufnehmen. Gegen den Willen seiner direkten Vorgesetzten beginnt Radmann sich mit dem Fall zu beschäftigen. Unterstützung erfährt er nur von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (der verstorbene Theater-Gigant Peter Voss in seiner letzten, sehr berührenden Rolle), der die in Auschwitz begangenen Verbrechen schon länger ans Licht der Öffentlichkeit bringen möchte. Er beauftragt Radmann offiziell mit den Ermittlungen, die den jungen Juristen allerdings bald zu überfordern drohen. Auf der Suche nach Wahrheit verstrickt Radmann sich in auswegslos scheinender Manier in ein Geflecht aus Schuld und Lügen. Über den Fall könnte er alles verlieren - Freunde, Ansehen, seine Liebe zu Marlene Wondrak (Friederike Becht). Doch was er ans Licht bringt, wird das Land entscheidend verändern.

Wie Giulio Ricciarelli erzählt, hat er nie gedacht, als Erstling einen historischen Film zu machen. „Das hätte ich mit nie vorstellen können. Doch dann war das wie einen Schatz zu entdecken. Ein großes Thema, ein Aspekt, der filmisch einfach noch nicht erzählt worden ist. Das ist natürlich ein Geschenk. Da fühlt man sich wie ein Entdecker“, berichtet er von der Idee zum Buch, die von seiner Ko-Autorin Elisabeth Bartel kam. „Die Arbeit am Buch dauerte lange. Wir haben ja nicht gesagt, wir verfilmen die Protokolle. Wir wollten schon einen klassischen Kinofilm, einen dramatischen Kinofilm mit Emotionalität machen, der über die Zeit erzählt und die Konflikte Gleichzeitig musste man dem Zuschauer viel an Wissen vermitteln. Der weiß einfach wenig über diese Zeit. Das auf den Punkt zu bringen, war ein sehr komplexer Vorgang“, sagt der Regisseur, der in der Figur des Staatsanwalts auch die junge Bundesrepublik gespiegelt sieht, die hier eine Verwandlung erfährt.

Es war dieses Drehbuch, das Universal Pictures als Produzenten des Films sowie weitere Förderer wie Hessen Invest Film überzeugte, Geld in den liebevoll ausgestatten Spielfilm zu stecken, der bei aller Dramatik und auch Emotionalität penibel die historischen Tatsachen transportiert, auf die nicht zuletzt Werner Renz vom Fritz Bauer Institut in Frankfurt als wissenschaftlicher Berater achtete. Die Mischung überzeugt. Beim Toronto International Film Festival im September erhielt der Film gute Kritiken. Außerdem war er für den diesjährigen Hessischen Filmpreis nominiert.

Quelle: op-online.de

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