Königinnen als Schachfiguren

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Verzwickte Beziehung: Elisabeth (S. Eidt) und Maria (V. Tscheplanowa)

Frankfurt - Aller Anfang ist schwer. So macht es Michael Thalheimer dem Frankfurter Publikum eingangs nicht leicht. Von Markus Terharn

Wie aufgereiht stehen die Figuren an der Rampe, belfern frontal in die Reihen der Zuschauer. Ein Tonfall, eine Lautstärke. Bis sie erzählt ist, die Vorgeschichte der Maria, Königin von Schottland, die bei ihrer Rivalin und Verwandten Elisabeth, Königin von England, Zuflucht gesucht hat und nun deren Gefangene ist, zum Tode verurteilt. Dann bricht die starre Situation auf, und alle zeigen, wozu sie in der Lage sind: Regisseur, Schauspieler und Technik. So dass Friedrich Schillers „Maria Stuart“ im Schauspiel einen großen Abend ergibt.

Groß ist alles an dieser Inszenierung. Das beginnt mit der Ausstattung. Eine Wand teilt Olaf Altmanns Bühne, den Protagonistinnen je eine variable Sphäre zuweisend. Ein Kunstgriff, der zwar die Sicht von den Seiten her einschränkt – aber die gewaltige Tiefe des Raumes freilegt, gern zu langen, wirkungsvollen Auftritten und Abgängen genutzt. All das ist von Johan Delaere sehr geschickt ausgeleuchtet und von Bert Wrede teils mit wummernder Musik unterlegt.

Groß ist Thalheimers Liebe zur Symmetrie, die bereits den klassisch strengen Aufbau des Stücks prägt. Sie setzt sich fort in den Tableaus, zu denen die handelnden Personen arrangiert werden, und findet ihre ultimative Gestalt in der Applausordnung. Das geht zu wie auf dem Schachbrett – ein stimmiges Bild für das politische Geschehen, mit persönlicher Tragik verknüpft wie in kaum einem Schiller-Drama sonst.

Weitere Vorstellungen: 18., 26. März, 2., 3., 7., 8., 18., 20. April

Groß ist vor allem das Differenzierungsvermögen der Darsteller, unterstützt durch Katrin Lea Tags plakative Kostüme. Das gilt zunächst für die Frauen: Elisabeth, schon stimmlich und in gelber Robe mit ausgestellten Hüften sowie meterlanger Schleppe eine wahre Herrscherin, ist sofort tonangebend. Stephanie Eidt, bleich geschminkt und rot gesträhnt, darf sich hemmungslos den typischen Thalheimerismen hingeben. Sie flüstert angestrengt und schreit hysterisch, zuckt konvulsivisch und bildet mit den anderen oft Ensembles wie im modernen Tanztheater. Und übertreibt maßvoll.

Maria, im schlicht weißen Büßergewand, gibt meist die Demütige, geht es doch um ihr Leben. Aber auch Valery Tscheplanowa bekommt ihre große Szene, wenn sie in dem fatalen, vom Dichter erfundenen Aufeinandertreffen mit der Kontrahentin die Beherrschung verliert und sich um Kopf und Kragen brüllt: „Regierte Recht, so läget Ihr vor mir / Im Staube jetzt, denn ich bin Euer König!“

Um die Damen herum hat Thalheimer ein regelrechtes Beraterballett choreografiert. Alle sind gut unterscheidbar: Michael Benthins schroffer Burleigh, der Maria im Sinne der Staatraison hingerichtet sehen will; Marc Oliver Schulzes wendiger Leicester, der sie geliebt hat (ehe er auf Elisabeth setzte) und sie retten möchte; Wolfgang Michaels kluger Talbot, der auf die Moral pocht und das Dilemma auf den Punkt bringt.

Unfreiwillig Unheil stiften Isaak Dentlers heißblütiger Mortimer, dessen Befreiungsversuche die Tragödie nur beschleunigen, und Andreas Uhses vom Gewissen geplagter Staatssekretär, der zum Bauernopfer auserkoren ist. Da kann der brave Aufpasser, Martin Rentzsch, nicht mehr helfen. Langer Beifall!

Quelle: op-online.de

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