Es geschah am helllichten Tag

Frankfurt - „Das Versprechen“, Friedrich Dürrenmatts berühmtes Requiem auf den Kriminalroman, ist in einer dramatisierten Form in den Kammerspielen zu sehen. Von Stefan Michalzik

,,Schöne“ Bilder. Eins aufs andre, sie gleiten ineinander über, in einem ununterbrochenen Fluss, anderthalb Stunden lang. Schnee fällt gleich als erstes, wie für ein Weihnachtsmärchen. Die rotierenden Gitterwalzen, aus denen er herab segelt sind zu sehen, die Ventilatoren, die ihn in Bewegung bringen: Die exponierte Theatermaschinerie am Schnürboden ist Teil eines Bildes von einem - widerstehlichen - Zauberreiz der Oberfläche.

Dann diese Figuren. Ein Antiquitätenkabinett ist es, das der Regisseur Markus Bothe zusammen mit seiner Kostümbildnerin Justina Klimczyk auflaufen lässt. Für die Kammerspiele des Frankfurter Schauspiels hat er den 1958 veröffentlichten Roman ,,Das Versprechen“ von Friedrich Dürrenmatt bearbeitet, die Inszenierung ist jetzt zum ersten mal hier zu sehen gewesen, drei Wochen nach der Premiere im schweizerischen Winterthur, dessen Theater als ökonomischer Koproduzent in Erscheinung tritt. Das Gritli, Opfer eines Mordes, ist gleich seinen zum Chor formierten Mitschülerinnen ein uniformes Zopfmädchen, die Jungs tragen kurze Hosen, die Lehrerin – mehrfach besetzt: die junge Lisa Stiegler - ist eine altjüngferlich hergerichtete Zuchtmeisterin; Gritlis Mutter – Gaby Pochert -, trägt ein hinten geknotetes Kopftuch und Schürze, die klassische Frau vom Lande. Alles wie im Staate Einstmals, wie im Bilderbuch.

Von heutigem Zuschnitt sind, mehr oder weniger, die Kriminalisten. Den Untertitel hat Markus Bothe kassiert. Ein ,,Requiem auf den Kriminalroman“ hat Dürrenmatt sein Buch genannt. Da ist mehr als die blanke Erzählung von der Untat und der Ermittlung. Metaerzählerisch stellt der schweizerische Titan der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur das stereotype Schema der klassischen Detektiverzählung in Frage; mit einer simplen Eins-zu-eins-Logik, so führt es ein pensionierter Zürcher Polizeikommandant - Till Weinheimer - im Gespräch mit einem Schriftsteller anhand eines Falles aus seiner Amtszeit vor, ist dem Leben nicht beizukommen. Der Zufall ist es, der vernachlässigt wird, oft bestimmt er die Geschicke, bisweilen in einer fatalen Weise. Da geht es nicht bloß um den Kriminalroman, Dürrenmatt spricht mit dem Polizeikommandanten von der Existenz.

Der Mann, der die Leiche Gritlis Wald aufgefunden hat – Viktor Tremmel -, ist als vermeintlicher Mörder schnell überführt, gar geständig, er schlitzt sich die Kehle auf – kleiner Ekelschock fürs Publikum, das Blut spritzt. Kommissar Matthäi – Torben Kessler – ist von seiner Unschuld überzeugt, obschon eigentlich auf dem Absprung nach Jordanien, wo er die Polizei reformieren will, verbeißt er sich in den Fall, der seiner gar nicht ist. Irre ist am Ende der sich in seine – groteskerweise wahre – Wahnvorstellung immer tiefer verstrickende Kommissar nicht minder als der Mörder, der in einem krankhaften Eheverhältnis mit einer älteren Dame lebt, die ihn demütigt. Matthäi fällt zunehmend dem Suff anheim, er entschlüsselt eine Zeichnung des ermordeten Kindes mithilfe einer Psychiaterin, in der Frankfurter Inszenierung legt er sie unter dem Schnee auf der in Wellen nach vorn abfallenden Bühne von Alexandre Corazzola frei; schließlich kauft er sich eine Tankstelle, um dort dem Mörder aufzulauern, er setzt gar ein kleines Mädchen als Köder ein, riskiert, es zu gefährden.

Das Auge bekommt viel Kaugummi. Mächtig Aktion, Heftigkeit, Ausbrüche, Züge eines Melodrams; Biber Gullatz sprüht immer mal ein wenig musikalischen Kitt in Gestalt einer mit Jazz fermentierten Klubmusik nach dem Geschmack der Hipster in den neunziger Jahren dazwischen.

Aus jeder Pore dieser sich bühnengewandt gebenden Inszenierung dringt eine zweifelsfreie Anschaulichkeit. Keine schlechte Qualität an sich. Bloß halt dass Markus Bothe dem Dürrenmatt partout nicht auf die Spur kommt. Der hat sich als Komödienschreiber im Ernsten verstanden, an diesem Abend wird aber, soweit man es auf das Komische anlegt, nur gealbert. Was will Bothe überhaupt, warum dieser Stoff? Schleierhaft. Nichts als Ideen, irgendwelche.

‹ Weitere Vorstellungen am 13. und 21 Oktober sowie am 25. und 30. November.

Quelle: op-online.de

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