Hohelied auf die Liebe

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Richard Wagners Herzensdrama spielt auf einem angegammelten Ozeanriesen.

Bayreuth - Offenbar trägt Isolde einen Keuschheitsgürtel. Denn Erotik ist auch in der Wiederaufnahme von Richard Wagners „Tristan“ am Grünen Hügel streng verboten. Von Klaus Ackermann

Eher lässt der szenische Minimalist Christoph Marthaler seine Titelhelden gnadenlos leiden – an einer chronischen Krankheit namens ewige Liebe. Den Aufruhr der Gefühle inszeniert allein die Musik, vom Routinier Peter Schneider in sinfonischer Breite zelebriert, der dem Liebesdrama Substanz und Sinnlichkeit zurückgibt. Mit einer stimmlich sehr präsenten Iréne Theorin, die als Isolde zur großen Tragödin wird.

Geschmachtet wird schon im Vorspiel mit dem berühmten Liebesmotiv. Wohltemperierte Hörnersignale, die ins Ohr gehende Hirtenweise, auf dem Englischhorn gestaltet, Todes-Akkorde im wandelbaren Grau und zielstrebige dynamische Entwicklungen sind Aktiva, die Schneider mit Bedacht einsetzt.

Marthalers trist modernistische Inszenierung in Anna Viebrocks leicht abgewracktem Ozeanriesen hat Anna-Sophie Mahler nahezu eins zu eins auf die Bühne gestellt. Allein die vielen Lichterspiele wurden stark reduziert. In der vergammelt wirkenden Schiffslounge darf eine wütende Isolde die Sessel umwerfen, sauer auf den jungen Seemann, der sie mit seinem Lied-Solo über die „wilde irische Maid“ (Tenor Clemens Bieber, frisch und unbefangen) angeblich verhöhnt.

Keuscheste Liebesduett der jüngeren Rezeptionsgeschichte

Aber noch zorniger auf Tristan, der die Königstochter in Irland abgeholt hat, um sie nach Cornwall zu bringen, wo sie dessen Onkel, den König Marke, heiraten soll. Denn sie liebt Tristan, obwohl er ihren Bräutigam im Zweikampf getötet hat und von Isolde gesund gepflegt wurde. Doch der hält sich lange Zeit bedeckt, bis der von Brangäne (Mezzosopranistin Michelle Breedt als stimmlich insistierende Mahnerin auf verlorenem Posten) gemixte Zaubertrank wirkt.

Daraus resultiert das zumindest szenisch keuscheste Liebesduett der jüngeren Rezeptionsgeschichte. Selbst das Abstreifen eines Handschuhs, das Lockern der Krawatte und das Öffnen einer Bluse sollen da hochsinnlich sein. Ihre Empfindungen singen die Protagonisten dagegen meist einsam an der Rampe. Hier trumpft Iréne Theorin noch im langwierigsten Monolog auf. Mit einem Sopran, der zu heftigen Spitzentönen fähig ist, aber seine Stärken vor allem im intensiven mezza voce ausspielt. Allein beim feinnervigen „Liebestod“ flackert die Stimme.

Stark in der Liebe, aber noch stärker im Todeskampf wirkt der vor allem im Lyrischen mit vielen Farbfacetten aufwartende Tenor des Robert Dean Smith, gesanglich förmlich Herzblut vergießend. Getreulich begleitet von Kurwenal (Jukka Rasilainen, mit ausdrucksfähigem Bariton), der das OP-Bett des Sterbenden zigmal umrunden muss. Wiederum ein Fels in der Brandung: Der König Marke des Koreaners Kwangchul Youn, ein hochempfindsamer Opernbass, der als einziger Wert auf Textverständlichkeit legt. Die dramatischen Einschübe des von Eberhard Friedrich wieder hervorragend eingestellten Festspielchors in allen Ehren: In der verflixten siebten Saison scheint Wagners Hohelied auf die Liebe (Marthaler-Version) ein wenig in die Jahre gekommen zu sein.

Quelle: op-online.de

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