Parcours der Künste

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Klang und Kunst: John Cages umgedrehter Flügel „Please Play“ (1989) vor John Armleders „Zakk Wylde“ (2008)

Darmstadt - Ralf Beil, der energiegeladene Leiter der Mathildenhöhe Darmstadt, hat wieder einmal Pionierarbeit geleistet. In seinem „House Full of Music“ hat er zum 100. Geburtstag des Musikreformers John Cage eine Ausstellung zu Musik und Kunst der Moderne aufgebaut, die es so umfassend noch nie gegeben hat. Von Reinhold Gries

Sein Parcours zeigt in den Hallen, Künstlerateliers und dem von Heiner Goebbels bespielten Wasserreservoir 350 Grenzgänge von nicht weniger als 110 bildenden Künstlern, Musikern, Komponisten und Schriftstellern. Beil nennt das „Feuerwerk für alle Sinne“, was ein Stafettenlauf der Künste im 20. Jahrhundert geworden ist.

Orientierung schaffen zwölf „Strategieräume“, die in Bild und Ton vermitteln, was moderne Musik und Kunst gemeinsam haben: Speichern und Wiederholen, Zerstören und Collagieren, Rechnen und Würfeln, auch „Möblieren“ und Schweigen. Als roter Faden dient Cages zwischen Neo-Dada, Zufallsprinzip, Zen-Philosophie und Geräuscherkundung kaum abgrenzbares Schaffen, das vieles in Frage stellte. Plastisch sieht man das vor sich, bei Cages auf dem Kopf stehenden Konzertflügel auf vielen Lagen von Stoffen und Holzplatten. Im „Prolog“-Raum lernt man Cages Ideenpool mit Marcel Duchamp und Erik Satie kennen, alle ihrer Zeit weit voraus.

Neues Denken

Neues Denken beginnt auch mit Tunis-Tagebüchern von Paul Klee, der aus Noten Bäume wachsen ließ. Zu den Ursprüngen zog es auch Rainer Maria Rilke in Skizzen zum „Urgeräusch“ oder Nam June Paik beim schaschlikartigen Aufspießen alter Schallplatten zur Skulptur.

„Symphony Dispenser“ (1968) von Dick Higgins

Duchamp speicherte in „Laborkästen“ oder farbigen „Discs“, die er 1947 zu Cages Musiksequenzen entwarf. Satie ergänzte Partituren mit Texten und Zeichnungen. Dadaistische Form finden Wachstumsprozesse noch bis in die 80er bei Dieter Roths „Olivetti-Yamaha-Grundig Combo“, Schreibmaschine und Kamera, Orgel und Kassettenrekorder sind gleichwertig. In Zinkplatten getanzt sieht man Stilettoabdrücke, in „Notenmöbeln“ gebannt das verfilmte „Musikzimmer von Ludwig van B…“.

Collagiert wurde beim Cover zum legendären „Sgt.Pepper´s“-Album der Beatles, in das auch musikalisch klassisch-moderne Zitate einflossen. Im Gegensatz zu solcher Fülle steht Schweigen, von Erwin Schulhoff in rhythmischen Pausen wie Bölls „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ gefügt, von Cage auf der Woodstock-Kreuzung zelebriert und von Beuys in Filmrollen zu Ingmar Bergmans „Das Schweigen“ verzinkt.

Nicht stillhalten

Ähnlich still auch Samuel Becketts Oper „Neither“ oder Su-Mei Tses Installation „Silent Party“. Nicht stillhalten mochte Schulhoff nach dem Ersten Weltkrieg, als er 1919 die Partitur des Deutschlandliedes zerstörte und verfremdete. Cage zerschnitt Platten, um sie neu zusammenzusetzen, während E- und U-Musiker bei Performances Instrumente zerschlugen. Es tut noch weh, wenn man die Fotos sieht.

„A House Full of Music“ vom 13. Mai bis 9. September auf der Mathildenhöhe Darmstadt. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

Dick Higgins war weniger rabiat, als er 1968 eine Blechdose mit der Notenpartitur verschmolz. Arnold Schönberg hielt seine Zeitanalyse 1925 im „Bündnis-Schach“ mit Flugzeug- und Kanonenfiguren fest. Daneben rechnete er viel, schuf Sequenzen für Bläserquintett mit dem Reihenschieber. Wie mathematische Kurvendiskussionen wirken auch Bernhard Leitners Siebdrucke auf Plexiglas. Viele Jahrzehnte vorher reihte Kurt Schwitters: erst Dada-Zahlen- und Buchstaben, dann die Sequenzen der „Ursonate“. Um Variationen des Denkens und Fühlens dreht sich Yoko Onos von John Lennon eingeleitetes Kultbuch „Grapefruit“ von 1964. Dagegen wirkt John Armleders E-Gitarren-Ensemble „Zakk Wylde“ wie ein poppiger Nachklang zu solchen Aufbruchszeiten, in denen Frank Zappa mit Bogen und Schlegeln Fahrräder bespielte.

Quelle: op-online.de

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