Zerissen und vereint

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Medea (Constanze Becker) wird eine ungeheuerliche Tat begehen.

Frankfurt - Ein fesselndes Bild gleich am Anfang. Bleischwer hallende Schritte sind zu hören. Alsbald zeichnet sich ein vogelhaft wirkender Schatten an der Rückwand ab, geworfen mittels einer fahlen Lichtdiagonale. Von Stefan Michalzik

Eine alte, zunächst nicht näher erkennbare schwarz gekleidete Frau setzt mühsam schleppend einen ihrer mit klobigen Plateausohlen angetanen Füße vor den anderen. Der Raum ist schwarz, ein gähnender Riesenschlund, begrenzt von den eisernen Brandwänden. Den Kopf gebeugt, mit den Händen gegen die hintere Wand gestützt, beginnt Josefin Platt in der Rolle der Amme die Einführung in die Geschichte hervorzubelfern, aus der das Drama der „Medea“ des Euripides erwächst.

Eine monumentale Schlichtheit wird auch weiterhin die Bilder dieses Abends ausmachen. Michael Thalheimer setzt mit der „Medea“ am Frankfurter Schauspiel seinen Antikenzyklus fort, den er vor zwei Jahren am Deutschen Theater in Berlin mit der „,Orestie“ begonnen und mit dem Doppel „,Ödipus/Antigone“ in Frankfurt weitergeführt hat. Er hat seine Leute mitgebracht, Olaf Altmann für die Bühne, Nehle Balkhausen für die Kostüme und Bert Wrede für die Musik – die spät und auch nur kurz ins Spiel kommt; die beiden Hauptdarsteller Constanze Becker (Medea) und Marc Oliver Schulze (Jason) sind wieder die gleichen.

Thalheimer ist ein Großmeister der strengen Form. Mögen andere jahrelang die großen Stoffe auf ein handliches Familienformat heruntergebrochen haben - bei Thalheimer geht es unzweifelhaft um die großen Fragen. „Unsäglich ist die Qual...“ ruft Medea immer wieder unterbrochen von zerdehnten Schmerzensschreien aus, wie aus der Welt herausgehoben, auf der Höhe des Vorsprungs einer schiefergrauen Wand. Nass, wie einem Regen entkommen, ist sie, die Gedemütigte im weißen Trägerkleid, entwurzelt und vom Gatten verlassen, der sich – fadenscheinig vorgeblich um seine vom Schicksal gebeutelte Familie zu retten – mit der Königstochter der Griechen vermählt, in einem Zweckrationalismus, der an jenen gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Zeitgeist einer vermeintlich unausweichlichen Erneuerung erinnert, gegen den sich allmählich erst ein gewisser Widerstand in der Gesellschaft formiert. Assoziative Zuschreibungen dieser Art aber sind Thalheimers Sache nicht. Er präsentiert den puren, schlackenlosen Stoff.

In ihrer inneren Zerrissenheit sind Jason und Medea ungeachtet von zynischem Verrat und wütendem Rachefuror schon fast wieder vereint. Das erste Erscheinen Jasons mit seinem leuchtend blauen Samtanzug im modischen Schnitt ist ob der provozierenden Auffälligkeit inmitten all der Grau- und Schwarztöne geeignet, ein gelindes Lachen hervorzurufen. Jasons Körper spricht die Sprache einer Verdrucktsheit. Seine Haltung ist die einer nüchternen Absicherung der Position, er weiß jedoch um seine Schuld Medea gegenüber. Die wiederum bricht in einem rationalen Denken mit der Vernunft und lässt sich dazu hinreißen, in einer ungeheuerlichen Tat die eigenen Kinder zu opfern, nur um Jason zu treffen und ihre Position wiederherzustellen Die kajalverschmierte Constanze Becker vermag es, die Verletztheit der Medea gegenwärtig zu machen. Sie wirkt noch in der List eher zart als hart. Mag die Tat unfassbar bleiben, ihre Gefühle können wir verstehen.

Thalheimer hat den Geist des Stücks dergestalt durchdrungen, dass man sich fragt, weshalb es je eines Theaters bedurfte, das auf „Einfällen“ seitens der Regie aufbaut. Thalheimers Theaterästhetik wirkt da so klar und einfach wie kühn. Und packend.

Quelle: op-online.de

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