Jochen Malmsheimer bei Burgfestspielen

Meister der Abschweifung

+
Jochen Malmsheimer

Dreieichenhain - Über zehn Jahre hat Jochen Malmsheimers Erziehungsratgeber „Halt mal, Schatz“ nun schon auf dem Buckel. Von Carsten Müller

Dass die zum Thema Elternschaft verewigtem Einsichten und Ansichten des unter anderem aus der WDR-Reihe Tresenlesen“ und der ZDF-Sendung „Neues aus der Anstalt“ überregional bekannten Humoristen von zeitloser Güte sind, war jetzt bei den Dreieichenhainer Burgfestspielen festzustellen – an einem zweistündigen Abend, bei dem kein Auge trocken bleibt.

Malmsheimer, 1961 in Essen geboren und nach Studienabbruch zunächst Buchhändler, dann Vorleser, hat sein westfälisches Temperament zum Bühnenereignis kultiviert. Dramaturgisches Kapital ist sein voluminöser Bass, der aus zarten „Wortgestöbern“ wahre Tobsuchtsstürme entfesselt. Malmsheimer verwandelt Alltägliches in sprachliche Feinkost, die er mit Derbheiten und Zoten spickt. Das erdet seinen Vortrag auf sympathische Weise, dessen Pointen im Stakkato niedergehen, zur Erbauung von Eltern wie Kinderlosen gleichermaßen.

Auch an diesem „informellen Abend“, zu dessen Beginn eine ausführliche Darlegung der bei einem Auftritt üblichen Ver- und Gebote steht, die Publikum und Vortragenden augenblicklich auf Betriebstemperatur bringt. „Es ist unmöglich, durch eine Hausgeburt Wohnraum zu schaffen“, schützt Malmsheimer vor Missverständnissen, die aufkommen könnten, angesichts der Spitzfindigkeiten, Sprachbasteleien und Verballhornungen, die ihn mitunter als sardonischen Wiedergänger Heinz Erhardts erscheinen lassen.

Von der Überbringung der guten Nachricht über Geburtsvorbereitung („Meine Frau atmet mit Erfolg“) und Wehensingen, Entbindung und Namensgebung bis hin zum Besuch in der Waldorf-Krabbelgruppe wird das Publikum Zeuge der Vorgänge in der Familie Malmsheimer.

Das klingt unspektakulär, ist aber großes Kino, zumal der Essener die Abschweifung zur Meisterschaft erhoben hat, mühelos vom Besuch im Hebammenzentrum zur Erfindung der Sandale springt oder das Problem brummender Kühlschränke mit seinen Erfahrungen beim Schafe aufblasen in Island verknüpft.

Zur Hochform läuft Malmsheimer auf, als er den Aufbau des stadtteilgroßen Hauszelts der auf einem Campingplatz in Slowenien urlaubenden Kleinfamilie zu einem ausschweifenden Crescendo eigenen Unvermögens überhöht. Das Publikum hängt ihm dabei gebannt an den Lippen, wie während des ganzen Abends vor der idyllischen Hayner Burgkulisse.

Quelle: op-online.de

Kommentare