Mensch und Mythos

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Bedrohlich wirken die spiegelnden Gebirgsmassive von Stefan Heynes Bühnenbild zu „Idomeneo“.

Mainz - In Frankfurt schmiedet Vera Nemirova zurzeit an Wagners „Ring des Nibelungen“. Die Oberen werden freilich erst kommende Saison in der „Götterdämmerung“ abdanken. Von Axel Zibulski

Das Ende eines Mächtigen zeigt die 38-jährige Regisseurin in Mainz bereits vorher: Am Staatstheater hat sie, zwischen der Arbeit am Frankfurter „Ring“, Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Idomeneo“ inszeniert, das Drama um den König von Kreta, der aus dem Trojanischen Krieg zurückkehrt.

Rund ist Nemirovas Tableau auch in Mainz. Keine Scheibe, wie bisher in Wagners „Rheingold“ und „Walküre“, wohl aber eine mit Bildspiegelungen bedrohlicher Gebirgsmassive umrundete Einheitsbühne (von Stefan Heyne). Ein Ort, der Traumata wecken kann. Kriegsheimkehrer Idomeneo trifft beim Landgang als ersten Menschen seinen Sohn Idamante. Und das, so hat der König es Neptun für die Rettung aus schwerer See versprechen müssen, bedeutet die Pflicht, Idamante zu opfern.

In Mozarts 1781 in München uraufgeführtem „Idomeneo“, der zwei Jahre später übrigens seine Zweitaufführung am Mainzer Hof erleben sollte, interessieren Nemirova die Menschen gewiss mehr als der Mythos. Die um Idamante streitenden Prinzessinnen Elettra und Ilia etwa egalisieren sich charmant in Blond samt kleinem Schwarzen (Kostüme: Frauke Schernau); Idamante lehnt sich optisch an den Vater an. Das gemeinsame Quartett zu Beginn des letzten der drei Akte gehört zu den beglückenden Ensemble-Leistungen dieser Mainzer Neuinszenierung.

Denn musikalisch blieben zumindest am Premierenabend etliche Wünsche offen. Mozarts recht konventionelle „Seria“-Oper wird von Kapellmeister Andreas Hotz und dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz eher dramatisch mächtig als fein grundiert, von den Bläsern zudem nicht immer sauber. Thorsten Büttners grobkörniger Idomeneo, auch Tatjana Charalginas zunächst zu herbe Ilia finden erst im Lauf des mehr als dreistündigen Abends zu vokaler Wärme und Ausgewogenheit. Patricia Roach in der Hosenrolle des Idamante singt einheitlich stramm, Vida Mikneviciute als Elettra vor allem verletzlich; vokal differenziertere Charakterisierungen der Figuren ließen sich denken.

Und das Ende von Idomeneos Macht? Den demokratisierenden Ausgang läutet die Stimme eines im Publikum platzierten Sängers ein, der Idomeneo von der Opferpflicht befreit, als Idamante schon die Augen verbunden sind. Abdanken darf der traumatisierte König dafür unbehelligt vom Volk, durch die Parkettreihen spazierend. Aber sah nicht Idamante, neuer König, dem Vater zu ähnlich? Oder verspricht das Ende doch eine Utopie? Der zuvor bisweilen wie gelähmt trottende Chor winkt am Ende heftig freudig. Mal sehen, wie Vera Nemirova in Frankfurt das Ende von Wagners Göttern erzählt!

Quelle: op-online.de

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