Mensch und Mythos

Städel entdeckt Klassizismus

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„Landschaft mit dem Raub des Hylas durch die Nymphen“ (1832) von Joseph Anton Koch

Frankfurt - Das Frankfurter Städel Museum bricht in der neuen Ausstellung „Schönheit und Revolution“ eine Lanze für die Kunst des Klassizismus. Gut 100 Gemälde, Skulpturen und Grafiken sollen dokumentieren, dass die Epoche alles andere als langweilig, steif und kalt war. Von Carsten Müller

Schön, leidenschaftlich, lebendig und revolutionär, hält Kuratorin Maraike Bückling dagegen, sei die Kunst im ausgehenden 18. Jahrhundert gewesen. Spiegel einer Zeit, die ihr Ideal in der Antike fand, die als Vorbild für Freiheit, Tugenden und Moral eines Bürgertums diente, das sich besonders in Frankreich blutig gegen den Adel erhob und später in die Privatheit zurückzog.

Erstmals ist in einem deutschen Museum eine Bestandsaufnahme zum Klassizismus zu sehen, sie schildert dessen Vielfalt und Widersprüchlichkeit und zieht Verbindungslinien zur Romantik, dem aktuellen thematischen Schwerpunkt des Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main.

Gipsabgüsse, Gemälde, Skizzen

Ohne Freiheit keine Kunst, war ein Postulat der Zeit, die in der Stadt Rom ihren zentralen Ort der künstlerischen Rückbesinnung fand. In den antiken Hinterlassenschaften entdeckte man das Menschliche im Mythos und wurde auf der Suche nach einer zeitlos gültigen Moral fündig, in vielerlei Gipsabgüssen, Gemälden und Skizzen als eine Art Kanon antiker Kunst verewigt.

Die Schau veranschaulicht gleichfalls, wie Motive der Gegenwart zunehmend Einzug in die künstlerische Thematik des Klassizismus hielten. Eine Dramatisierung der Darstellung, geprägt von Gefühlen und Leidenschaften, ist beispielsweise anhand des „Fallenden Titans“ von Thomas Banks nachzuempfinden. Die auch in Rom weilenden Künstler setzten damit einen bewussten Kontrapunkt zur pathosgeladenen Antike und ihrem Ideal der „edlen Einfalt und Größe“.

Berühmte Marmorskulpturen

Hebe (1800-05) von Antonio Canova

Zu sehen ist das beispielsweise an den berühmten Marmorskulpturen der Hebe von Antonio Canova (um 1800) und Bertel Thorvaldsen (um 1815), die erstmals gemeinsam ausgestellt werden. Während die auf Hochglanz polierte Göttin des Venezianers auf Wolken schwebend dem Betrachter entgegen zu eilen scheint, blickt die in unpoliertem Stein verewigte Zeus-Tochter des Dänen sinnend in die Ambrosia-Schale. Die Interpretation ist offen und dem Betrachter überlassen, erläutert Ko-Kuratorin Eva Mongi-Vollmer.

Jacques Louis Davids an der antiken Skulptur des „Sterbenden Galliers“ orientierte Aktstudie, genannt „Patroklus“, spielte eine zentrale Rolle in der Künstlerausbildung. Es war einer der letzten Arbeitsnachweise, die der französische Vertreter des Neoklassizismus, der von 1775 bis 1780 in Rom weilte, von dort aus an seine Pariser Stipendiengeber sandte. Diese völlig neuartige Historiendarstellung führt direkt zum Gemälde des in der Badewanne erstochenen Revolutionshelden („Tod des Marat“) aus Davids Werkstatt, die Tagespolitik zum Weltereignis erhebt. Sie zeigt, wie sich die neue Ikonographie unter Bezugnahme auf die Französische Revolution entwickelte.

Louvre unter den Leihgebern

Das Ölgemälde „Patroklus“ (1780) von Jacques-Louis David galt als Ideal einer Aktstudie.

Gleichfalls politisch zu lesen, so Eva Mongi-Vollmer, sei Charles-Paul Landons Gemälde „Dädalus und Ikarus“ (1799) , das in einer extrem reduzierten Malweise die Flüchtenden vor dem Absprung zeigt. Der Vater warnt den mit wächsernen Flügeln bewehrten Ikarus vor Übermut, der bekanntlich tödlich endete. Die Botschaft: Freiheit und Verantwortung müssen einher gehen.

Nicht nur Städel und die Skulpturensammlung Liebieghaus öffneten für die große Frankfurter Frühlingsschau ihre Schatzkammern, auch europäische Leihgeber wie der Louvre, das Kunsthaus Zürich oder die Eremitage steuerten Werke bei. Man muss angesichts des Gezeigten nicht gleich in Euphorie ausbrechen. Wer aber neue Einsichten in eine als etwas angestaubt geltende Kunstepoche sucht, wird im Städel sicher fündig.

‹ „Schönheit und Revolution – Klassizismus 1770-1820“ bis 26. Mai im Frankfurter Städel Museum. Geöffnet: Dienstag sowie Freitag bis Sonntag von 10-18 Uhr, Mittwoch und Donnerstag von 10-21 Uhr.

Quelle: op-online.de

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