Menschen wie du und ich

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Befehlshaber Ozias (Matthias Rexroth) predigt von der Kanzel: Holofernes (Julian Prégardien) hat den Degen gezückt, während Giuditta (Brenda Rae) lauscht.

Fürs schon gängige barocke Verjuxen ist der Stoff viel zu ernst: Francisco Antonio de Almeidas Oratorium „La Giuditta“ um eine unbeirrbare biblische Gotteskämpferin, die ihr Volk vom grausamen Belagerer befreit, hat Guillaume Bernardi für die Oper Frankfurt erstmals szenisch aufgefächert. Von Klaus Ackermann

In einer Art „historischen Inszenierungspraxis“, die in der Entstehungszeit des Werks wurzelt, aber dennoch diskret auch den zeitgenössischen Kommentar mitliefert. Starke Stimmen und Darsteller mit der souveränen Titelheldin Brenda Rae und einem überaus lebendig musizierenden Opern- und Museumsorchester, von Felice Venanzoni zu rhythmischem Drive ermuntert, sorgten für einen spannenden Opernabend im Bockenheimer Depot. Nicht zuletzt Almeidas sattes Melos, meist Moll-getränkt, gab dem dauerhaften barocken Ritual von Rezitativ und Arie Farbe.

Dieses Oratorium mit seinen vielen theatralen Momenten verlangt einfach nach szenischer Darstellung. Und Regisseur Bernardi geht dabei sehr behutsam zu Werke, daran erinnernd, dass schon der sakrale Uraufführungsort in Rom samt prachtvollen Bildern und ebensolcher Architektur beim Zuhörer in Verbindung mit Almeidas Musik opernartige Assoziationen ausgelöst haben könnte.

So ziert das kühle Straßenbahndepot ein sachlicher Bühnenbau (Ausstattung: Dirk Becker), dem ein Kasten vorgelagert ist, der ein Bildfenster freigibt, in dem biblische Gemälde von realen Menschen nachgestellt werden. Eine Pieta etwa und schließlich auch jene Darstellung eines alten Meisters mit Judith, die Schwert und abgeschlagenen Kopf ihres Peinigers Holofernes in der Hand hält.

Selbst die Akteure nutzen den Bilderrahmen für exponierte Auftritte. Und hier unterstreichen Kostüme (Jorge Jara) und Gesten nicht nur den Charakter, sondern merken auch Zeitkritisches an. So verwandelt sich die gottesfürchtige Giuditta von der schwarz gewandeten Rächerin zum verführerischen Vamp im Amazonen-Look, mit einem kompletten Sortiment an Messern in diversen Halftern.

Ozias, Befehlshaber der belagerten Stadt, ist ein Priester im Bischofsgewand, der sein Leid von der Kanzel predigt: Stimmlich klar disponiert und stark im permanenten Moll zeigt Altus Matthias Rexroth einen schillernden Charakter. Wie ein Gespenst verfolgt von einem Tänzer (Bernd Niedecken), der auch zum mörderischen Handlanger wird, wenn Giuditta aus dem Bilderrahmen den Befehl gibt, dem von ihr handfest verführten Holofernes die Kehle durchzuschneiden.

Brenda Rae beeindruckt mit einem noch in den Koloraturen hoch emotionalen Sopran und starker Bühnenpräsenz – unfehlbar im Glauben an die gerechte Sache. Während Julian Prégardien mit tenoralem Metall den Haudrauf gibt, der seinen auf Mäßigung bedachten Hauptmann Achior auch schon mal blutig in die Schranken weist. Als dieser Saulus, der zum Paulus bekehrt wird, seine waffenstrotzende Weste ablegt und ins Che-Guevara-Shirt schlüpft, sorgt Sopranistin Christiane Karg für die stimmlich berührendsten Momente des Abends, noch leise ungemein expressiv.

Noch am 14., 16., 18., 20. und 21. Juni

Was sich auch vom „historisch“ eingestimmten Museumsorchester behaupten lässt, das aus seinem Käfig drängt. Lebendig in den geradlinigen Tutti mit den fast unfehlbaren Naturhörnern als Unterbau, das melodiöse Moll zum Schlager machend und auch bei den etwas eindimensionalen Rezitativen per Theorbe und Orgelpositiv Farbe einbringend, orchestrales Säbelrasseln inbegriffen. Felice Venanzoni hält nicht nur bis auf eine Schrecksekunde guten Kontakt zu den weit im Raum verteilten Stimmen, sondern artikuliert Klang deutlich als Sprache. Und wenn nach blutiger Befreiung Gottes Lob in erhabenem Dreiklang gesungen wird, entledigen sich die barocken Helden ihrer Kostüme, stehen im aktuellen Zivil vorm Publikum. Halt Menschen – wie du und ich …

Quelle: op-online.de

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