Des Menschen Lähmung

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Isaak Dentler als „Iwanow“.

Frankfurt - Da sitzt er, wie festgezurrt auf seinem Stuhl, mit hängenden Schultern. Innerlich gelähmt von einer Schwermut, die sich mehltaugleich auf seiner Seele festgesetzt hat. Um ihn herum spielt sich das Leben ab, es drängt regelrecht auf ihn ein. Von Stefan Michalzik

Anflüge von Wut und Trauer sind ihm anzumerken, ein Aufbegehren gar mitunter. Doch zum Handeln ist der äußerlich durchaus smart wirkende Mann – modisch-lässiger grauer Anzug überm weit geöffneten schwarzen Hemd, Vollbart und zerzaustes Haar, allerdings mit Spuren der Vernachlässigung – schlechterdings nicht fähig. Totale innere Lähmung.

Es ist ein starkes, eindrücklich sprechendes Bild, das der Schauspieler Isaak Dentler als Anton Tschechows ,,Iwanow“ in der Inszenierung des Hausregisseurs Christoph Mehler am Großen Haus des Frankfurter Schauspiels abgibt. Die Hauptfigur in Tschechows mit 27 Jahren verfasstem und 1887 uraufgeführtem dramatischem Debüt hat gerade mal die Dreißigerschwelle überschritten. Bis vor kurzem noch hat es dem Gutsbesitzer an Schwung, Tatendrang, auch an Liebesfuror nicht gemangelt. Über Konventionen setzte er sich hinweg, und so hat er eine Jüdin aus reichem Haus geheiratet, gegen den erbitterten Widerstand ihrer Eltern. Iwanow preschte stets vorwärts, der ewige Kampf gegen Widerstände aber hat ihn zermürbt und in die Depression getrieben. Er ist pleite, die Liebe zu seiner auf den Tod kranken, an Schwindsucht leidenden Frau ist erkaltet; er zermürbt sich mit Selbstvorwürfen.

Den Gutsverwalter Borkin, der Iwanow mit Geschäften und windigen Ideen bedrängt, stattet Sascha Nathan mit der ganzen schmerbäuchigen Derbdreistigkeit eines ungehemmten bauernschlauen Vorteilsinstinkts aus. Für die Lebens- und Geschäftsuntüchtigkeit seines Herrn hat so einer nicht mehr als mitleidige Verachtung übrig. Der Arzt Lwow (Martin Rentzsch) indes, der sich als Verfechter des Gedankens der Aufklärung apostrophiert, kennt keine Gnade. Dieser Mann fällt das schneidende Urteil einer von Ichsucht getrieben Verworfenheit – und schaut am Leiden Iwanows vorbei.

Es ist das Drama des modernen Menschen, der sich von Tradition und Bestimmung mit der Folge einer Orientierungslosigkeit befreit sieht, das hier gegeben wird - doch man sieht viel Komödie, in dem Sinne, wie Tschechow seine Stücke als Komödien mit integralem Drama verstanden wissen wollte. Nicht umsonst ist der großartige Matthias Scheuring von Michael Quasts „Fliegender Volksbühne“ ins Ensemble eingewandert. Der dickbäuchige Kerl mit den Hosenträgern und dem roten Gesicht schwadroniert fortwährend etwas von der Kartenzockerei.

Dieser beachtliche Theaterabend - gespielt wird Elisabeth Plessens auf einer Übersetzung von Ulrike Zemme beruhende Textfassung, die einstmals für Peter Zadek in Wien 1990 entstanden ist -, der über drei Stunden hinweg nicht einen Augenblick an Spannung verliert, konzentriert sich ganz auf die mätzchenlose Erzählung der Geschichte und die Vergegenwärtigung der Zustände durch die von Anne Hölzinger beiläufig gegenwartsnah gekleideten Schauspieler.

Christoph Mehler reiht sich in die gegenwärtige Tendenz zu einem auf die Schauspieler fokussierten Theaterpurismus ein, der über kurz oder lang so ausgereizt sein wird wie das sogenannte ,,Zertrümmern“ der Castorfadepten zuvor. Einstweilen noch trägt er ansehnliche Früchte wie diese.

Quelle: op-online.de

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