Von Menschen und Mäusen

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Andrea Benders „Blauer Salon“

Offenbach - Große Interieurs, kleine Dioramen: Gegensätzlichkeiten machen den besonderen Reiz der aktuellen Ausstellung in der Offenbacher Galerie von Thomas Hühsam aus. Von Carsten Müller

Gezeigt werden in „Fernwärme“ Malereien von Andrea Bender und Objekte von Ivo Weber, beide aktuell vom Rhein an den Main gekommen. Erstmals in Offenbach zeigt der aus Biberach/Riß stammende Kölner Ivo Weber neuere Arbeiten. Dominant und furchteinflößend thront eine hölzerne Mausefalle inmitten des großen Ausstellungsraums. Es ist eine um den für Künstler Weber immer wieder bedeutsamen Faktor 12,5 vergrößerte Version des Originals. Unwillkürlich fühlt man sich in die Rolle des Nagers versetzt, auf den es die martialische Konstruktion abgesehen hat. Nur der Köder fehlt.

Gleich daneben hängen sechs Lodenmäntel aus grobem Stoff an einem Wandhaken. „Einer gehört Norbert“ heißt die Installation, die wirkt, als seien die Kleidungsstücke gerade erst, aber für immer abgelegt wurden.

Üppige Figuren auf wandhohen Großformaten

Die Mäntel begegnen dem Betrachter erneut in einer der tiefenscharfen Fotografien, die Webers Aktion „Waldfegen“ dokumentieren. Einmal im Jahr versammelt er eine Gruppe von Menschen im Kölner Stadtwald und lässt diese eine definierte Fläche fegen. Wurzeln und Humus kommen unter dem Blättern des Buchenhains zum Vorschein, Geometrie und Natur in Übereinkunft. In einer Reihe posieren die Helfer mit ihren Arbeitsgeräten.

Weber geht es in seinen Werken auch um die Inszenierung von Gemeinschaft, die sich situativ ergeben. Dass man sich seiner Umgebung auch entledigen kann, da sind die Miniatur-Dioramen in Blechdosen vor, die sich wie eine Bühnenbild-Geschichte lesen – freilich makabren Zuschnitts. Der Felsen, auf dem eine Gruppe in freier Natur Rast zu machen scheint, hat bereits einen Menschen erlegt.

„Fernwärme“ von Andrea Bender und Ivo Weber bis 21. März in der Galerie Hühsam, Offenbach, Frankfurter Straße 61. Geöffnet: Montag bis Freitag von 15 bis 20 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung unter Tel.: 069/810044.

Die aus dem Vogelsberg-Städtchen Schotten stammende Andrea Bender (Jahrgang 1972) zählt zu den Künstlern der Galerie. Sie hat in ihren neuen Werken den Blick geweitet. Nur zu gut erinnert man sich an ihre pastosen Menschenbilder, die mehr Seelenskizzen als Porträts waren. Die üppigen Figuren sind in wandhohen Großformaten nun zu Akteuren geworden, die räumliche Dimensionen vermessen und den Interieurs irritierend aufladen. Verstörend auch, weil pastose Pigmentballungen sich skulptural in den Raum wölben, tonsatte Farbverläufe über Flächen sich verschieben.

Die sowohl mit perfektionistischen Details als auch mit generösem Malduktus bespielten Leinwände wirken wie ein Katalog der Stilepochen. Wären da nicht Benders Figuren, die mal trotzig, mal verletzt dreinblicken – oder in ihrer überraschten Art den Beobachter zum Voyeur abstempeln. Höchste emotionale Intensität in einer Kunst, die immer faszinierender wird, je länger man sie betrachtet.

Quelle: op-online.de

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