Menschenbilder in diffusem Licht

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Eugène Carrière, „Le Sommeil“, um 1890.

Darmstadt - Der französische Maler und Lithograf Eugène Carrières (1849-1906) ist bisher Randnotiz geblieben, obwohl seine Werke im New Yorker Metropolitan Museum oder Pariser Musée d´Orsay hängen. Von Reinhold Gries

Die hochkarätige Schau der Darmstädter Kunsthalle mit 30 Gemälden Carrières ändert das und bringt sie mit Werken aktueller Künstler in Dialog.

Wie kein zweiter Spätimpressionist hat der Lehrer von Henri Matisse im morbidem Fin de Siécle menschliche Existenz ausgelotet. Seine Bildfiguren – Lesende und Schlafende, Geschwister und Mütter, Akte und Modelle – versinken im Dämmerlicht. Reiche Farb- und Lichtwirkungen des Impressionismus sind absorbiert, die Konturen seiner Porträts in „Sfumato“ mit der Umgebung verschliffen. In „Maternité“ und „Geschwister, sich umarmend“ ist bürgerliches Familienidyll nur noch schemenhaft präsent, während die Monochromie Emotionales deutlicher macht. Auch Interieurs mit Blumentischen sind wie alte Schwarz-Weiß-Fotos zu diffusen bräunlich-grauen Erinnerungen verblasst. Das wirkt für seine Zeit unerhört modern und basiert auf damals neuen Erkenntnissen der Psychoanalyse. Carrières Gesichter drücken bis heute aus, was eigene Existenzerfahrung ist: Man ist sich zuweilen selbst ein Rätsel.

Kluft zwischen Eigen- und Fremdbild

John Beards „Head“ ist ein Selbstporträt aus dem Jahr 2001.

Auch der 1943 in Wales geborene Australier John Beard thematisierte die Kluft zwischen Eigen- und Fremdbild, ist aber radikal auf dem Weg zur „Gesichtslosigkeit“. Schwarz-in-Schwarz-Porträts verweigern Zwiesprache, grau modulierte Schädel verbergen Konturen. Lichtwerte werden abgeblendet, Physiognomien verschleiert. Aber Beards „Head“-Serien und zerklüftete Weltlandschaften wirken nicht tot, man erkennt bewegte Texturen und geschichtete Bildebenen, pastose Farbströme und Ausdünnungen in wechselnden Rhythmen. Subtile Öl-Wachs-Gemälde wie „Alter Rembrandt“ und „Beuys“ (2009) erinnern an frühere Kunst der Selbsterforschung.

Aufwühlende Formauflösung bringen starkfarbige Großformate des 1939 in Düsseldorf geborenen New Yorkers Jörg Madlener. In fragmentarischen Antlitzen der „Kassandra“-Reihe und der großen Serie „Sandstorm“ bezieht er expressiv Stellung zum Zeitgeschehen. Diffuse, leere Antlitze mit geschlossenen Augen erscheinen vor wüstengelbem Hintergrund mit Leichnamen der US-Golfkriegsoperation.

„Gesichtslos. Die Malerei des Diffusen“ bis 17. Januar 2010 in der Kunsthalle Darmstadt. Geöffnet: Dienstag bis Freitag 11-18 Uhr, Samstag und Sonntag 11-17 Uhr.

Auch blaue Endlos-Landschaften des 1954 in Darmstadt geborenen Rainer Lind lassen Romantik hinter sich. Heimatlose Figurengruppen geistern in schwer greifbaren Bildräumen wie Nomaden zwischen mageren Weidetieren, Feldern, Straßen und Landebahnen umher. Auch die Gesichter des 1955 in Schottland geborenen Trierers Joe Allen verunsichern. Bei seiner Ahnenreihe erkennt man Cezanne, Matisse, van Gogh und Monet nur an typischen Hüten, angedeuteten Mündern oder roten Bärten. Die Gesichter der Helden bleiben leer.

Quelle: op-online.de

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