Titan des Theaters

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Fünfzehn Rollen und ein Sprecher: So kennt man Michael Quast, der vom Bass bis zum Koloratursopran sämtliche Partien aus „Orpheus und Eurydike“ mehr oder weniger im Griff hat.

Michael Quast auf allen Frankfurter Podien: Mit seiner fliegenden Volksbühne hat der Schauspieler, der nicht, wie vorgesehen, Intendant des Volkstheaters werden durfte, im Schauspiel Unterschlupf gefunden und zugleich auch in der Oper, wo er eine Reihe mit Anverwandlungen der Operetten von Jacques Offenbach gibt. Von Stefan Michalzik

Dafür braucht Quast, wie an „Orpheus in der Unterwelt“ bewiesen, nicht mehr als Tisch und Stuhl, einen Pianisten und ein paar Beleuchtungseffekte. Die Ouvertüre singt er gemeinsam mit dem famosen Klavierbegleiter Rhodri Britton, samt gezieltem Verweis auf die einzelnen Orchesterstimmen. Ein possierliches Virtuosenstückchen, das sogleich für Heiterkeit sorgt. Quast singt alle Partien, vom Bass bis zum Koloratursopran, samt Chor. Die Textfassung, die er mit Rainer Dachselt erstellt hat, ist gleichsam als Travestie auf Offenbachs Travestie der antiken Mythologie angelegt. Er verhält sich, bei aller Freiheit im Umgang mit der Vorlage, im höheren Sinne werktreu. In der Persiflage auf die Antike hat Offenbach mit beißendem Spott von seiner Zeit, der dekadenten Ära der Belle Epoque im ausgehenden 19. Jahrhundert in Frankreich, gesprochen.

15 Positionen listet der Besetzungszettel

Quast spricht von der unsrigen Zeit. Zuerst einmal lässt er die Eheleute Orpheus und Eurydike mit deftigen Kraftausdrücken aufeinander los. Ehezwist und Kabale, Aufstand im Götterkabinett des Jupiter, schlichte Theaterwitze, weibliches Gehabe, porschegestützte Macho-Attitüden – und schließlich die frequenzbeschnittene Stimme des Inspizienten, 15 Positionen listet der Besetzungszettel auf. Mit einem nimmermüden komödiantischen Furor, der in Offenbachs Musik ideale Entsprechung findet, schafft Quast perlende Unterhaltsamkeit. Er spielt auf die Lehman-Pleite und die Geldknappheit in der öffentlich geförderten Kultur an. Der Cancan wird als Fingertheater auf einer Schrumpfbühne getanzt.

Schaut her, so sind sie, die Verhältnisse, sagte Offenbach. Und Quast tut es ihm gleich. Der eine wie der andere sagt auch: Wenn wir sie schon nicht ändern können, die Verhältnisse, dann lasst sie uns wenigstens zum Tanzen bringen. Sie ein wenig erträglicher machen mit Humor. Zu Recht plädiert Quast für die Wiederentdeckung Offenbachs und reklamiert den „Kölner Juden mit der Pariser Karriere“ als „wahren Antipoden zum sächsischen Gesinnungsgermanen Richard Wagner“.

intensive Anbindung an sein Publikum

Quast hat sich am Stadttheater vorbei zum Titan des Frankfurter Theaters entwickelt. Er setzt auf eine intensive Anbindung an sein Publikum. Dafür braucht er nicht zwingend ein eigenes Haus. Und soweit die Früchte derart ansehnlich sind wie dieser ungebrochen vergnügliche Abend, ist seine Hinwendung zum Bürgerlichen mehr als erträglich.

Quelle: op-online.de

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