Vom Missbrauch der Macht

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Komponist Palestrina (Kurt Streit) in leidender Christus-Pose

Künstlerische Genie-Taten können nicht erzwungen werden. Das ist die Quintessenz von Hans Pfitzners „Palestrina“. Weder von klerikalen noch von weltlichen Machthabern, fügt Regie-Altmeister Harry Kupfer hinzu, der das Opus magnum an Frankfurts Oper inszeniert. Von Klaus Ackermann

Herausgekommen ist ein fesselndes Lehrstück über den Missbrauch von Macht, dessen musikalischer Strom von früher Mehrstimmigkeit bis zum pompösen Fanal Kirill Petrenko kanalisiert. Mit von historischer Klangforschung inspirierter reiner Harmonie, polyphonem Geplänkel fürs Komödiantische und dramatisch sich türmenden Schichten hat das Museumsorchester alle Hände voll zu tun. Die Sängerbesetzung überragt Tenor Kurt Streit, der Palestrinas geschundene Seele so glaubwürdig rüberbringt, wie er sich als kühler Gestalter an jenen Spielstationen erweist, die an Bert Brechts episches Theater gemahnen.

Ein mit Purpur ausgelegtes flügelförmiges Amphitheater-Podest, auf dem das Ensemble, zeitlos uniformiert, der Dinge harrt: Auf Hans Schavernochs Bühne – die Kostüme hat Yan Tax schneidern lassen – könnten auch die „Meistersinger“ angestimmt werden. Per Hintergrundprojektion taucht Palestrina auf, mit Komponier-Blockade, weil die musikalische Zeitenwende ahnend, hin zu mehr individueller Freiheit. Die möchte der Papst verhindern, der die Messe auf ihren gregorianischen Ursprung zurückführen will. Palestrina, Meister der Vielstimmigkeit, soll ihn mit seiner Musik besänftigen. Doch erst Engel können seine Fantasie beflügeln. Mit einer Messe wird er als Retter der Musik gefeiert.

Pfitzner-Wochen in der Oper

Am Hoch’schen Konservatorium hat Hans Pfitzner (1869-1947) studiert: Grund, ihn in Frankfurt umfassend zu würdigen. So beleuchtet eine Ausstellung im Holzfoyer der Oper bis 5. Juli Leben und Werk des Komponisten. Heute um 21 Uhr wird „Von deutscher Seele“ gekündet, ein ZDF-Porträt und Gespräch mit dem Musikwissenschaftler Professor Dr. Peter Cahn. „Ein streitbarer Geist“ lockt am Donnerstag um 11 Uhr mit Wort und Ton ins Opernhaus. Bei den Museumskonzerten am 14. und 15. Juni steht in der Alten Oper Pfitzners C-Dur-Sinfonie auf dem Programm. Kammermusik erklingt am 16. Juni (20 Uhr) im Holzfoyer. „Palestrina und das Konzil von Trient“ ist Titel eines Vortrags mit Musik am 17. Juni um 19.30 Uhr im Haus am Dom. „Palestrina“ steht im Mittelpunkt des Foyergesprächs mit Steffen Seibert am 20. Juni, 22 Uhr, im Holzfoyer. Dort ertönt das Duo für Violine und Violoncello mit Klavierbegleitung am 21. Juni im Foyer.

Kupfer erweitert die Legende, indem er sie in Bild und Film mit dem Komponisten Dimitri Schostakowitsch verknüpft, der von Stalin gezwungen wurde, sein Werk zu entschärfen. Auf Palestrina bezogen ein wagemutiger Kunstgriff, freilich absolut erlaubt, um diktatorische Gewalt anzuprangern.
So fliehen Palestrina-Schüler Silla (Claudia Mahnke mit schwärmerischem Mezzo) und Palestrina-Sohn Ighi no (Sopranistin Britta Stallmeister in starker Charakterstudie) unter eine Decke, während Stacheldraht das Bild der New Yorker Freiheitsstatue verdrängt. Jener Draht, mit dem Schergen Palestrina samt „Dornenkrone“ an den Flügel fesseln, während drei Krankenschwestern ihm Notenpapier bringen, Alte Meister wie auch visionäre Engel ihre Botschaft im Hintergrund vom Blatt singen: Versachlichung einer oft peinlichen Szene. Das Trient des Konzils von 1563 liegt nahe am Moskau der Stalin-Ära – Kontrollschleusen, Wanzen in der Keramikabteilung und Polizeigewalt um die sich in intriganter Feinmechanik übenden Bischöfe und Kardinäle, die dennoch auf keinen gemeinsamen Nenner kommen.

Vorstellung gibt es noch am 20., 25., 28. Juni und 5. Juli, jeweils 18 Uhr

Da zeigt sich Kupfer in fein eingefädelten komischen Szenen als Meister der Personenführung. Mit einem stimm- und tatkräftigen Johannes Martin Kränzle als Kardinallegat, mit dem gefährlichen Fürstbischof (Alfred Reiters dräuender Bass dient auch Papst Pius IV). Zur Prügelei der Dienerschaft werden Bilder von niedergeknüppelten Aufständen gezeigt. Der von Matthias Köhler einstudierte Chor zeichnet sich im grimmigen Spottlied der Spanier aus. Als Motivator Palestrinas setzt Falk Struckmann seinen Bariton energisch ein, wird freilich Opfer einer Indisposition. Schlank in der Tongebung bis zum hohen C, intensiv im Ausdruck: Kurt Streits Tenor ist prädestiniert für den Palestrina-Part.

Im 1917 uraufgeführten „Palestrina“ hat Pfitzner sein Unbehagen am Geist der Zeit artikuliert. Kupfer erschließt dieser musikalischen Legende eine politische Dimension, manchmal überdeutlich, aber ohne erhobenen Zeigefinger. Auch deshalb vergehen die vier Stunden im Nu!

Quelle: op-online.de

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