Mitdrehen an versteinerter Gesellschaft

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Harriet Marie und Peter Meining, das Ehepaar hinter dem 1996 in Dresden gegründeten Ensemble norton.commander.productions, schließt Stoffe aus einem Fundus von Büchner bis Fassbinder und Polanski mit zeitgenössischer Lebenswirklichkeit kurz.

Harriet Marie und Peter Meining, das Ehepaar hinter dem 1996 in Dresden gegründeten Ensemble norton.commander.productions, schließt Stoffe aus einem Fundus von Büchner bis Fassbinder und Polanski mit zeitgenössischer Lebenswirklichkeit kurz. Von Stefan Michalzik

Es geht nicht um interpretierende Durchdringung. Vielmehr lassen sie Welten aufeinander stoßen, die der Dichtung und die heutigen Daseins, und schauen, was passiert.

Das Verfahren ist bekannt – die Form verblüfft im Fall des neuen Stücks „Das kalte Herz“, im Frankfurter Mousonturm zu sehen. Die theatralischen Recherchen gelten gesellschaftlichen Zusammenhängen und Phänomenen der kollektiven Psychologie. Das Märchen von Wilhelm Hauff wird von einem blonden Jungen in Filmeinblendungen lesend durchlebt, zwischen Natur, Bildergalerie und Meiler. Die Geschichte des armen Köhlers Peter Munk, der nach Reichtum, Glück und Ansehen strebt und darum sein Herz gegen ein steinernes eintauscht, setzt ein Ensemble aus fünf Männern und einer Frau in frei assoziative Bilder um.

Wie immer arbeiten norton.commander multimedial, mit Film und Musik; diesmal scheint die Grenze zum Konzert überschritten. Der Text gleicht einer Partitur für Solostimmen und Chöre. Es wird viel gebrüllt und geschrieen. Worte und Sätze wandern durchs Ensemble, dessen Widerpole das Paar Juliane Werner und Christian Wittmann sowie der massige Gitarrist Jochen Arbeit bilden.

Nackter Oberkörper und schmuddelige Unterhose

Die Musik von Nikolaus Woernle schließt mit ihrer Perkussion, Gitarren und Elektronik zusammenführenden Lärmästhetik an Errungenschaften der Einstürzenden Neubauten an. Alle arbeiten mit viel Einsatz, besonders Arbeit, der in einer die Radikalität auf die Spitze treibenden Szene mit nacktem Oberkörper und schmuddeliger Unterhose annähernd sechs Flaschen alkoholhaltiges Bier hinunterkippt.

„Märchen Naive Fragen Komplexe Antworten“: So haben norton.commander vor einigen Jahren eine ihrer Arbeiten genannt. Mit diesem Titel hätten sie im Grunde auch dieses Stück überschreiben können. Arme wollen reich, Reiche noch reicher werden – und so dreht jeder mit am Phänomen einer steinernen Gesellschaft. Neu ist diese Erkenntnis fürwahr nicht. Doch wäre die Erwartung einer schlüssigen Antwort verfehlt. Die Dinge sind und bleiben kompliziert.

Quelle: op-online.de

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