Theaterprojekt „All inclusive“

Mittendrin statt nur dabei

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Was wünscht Du Dir? Tobias Krämer überlegt noch.

Frankfurt - Martina Drostes und Chris Weinheimers Theaterprojekt „All inclusive“ überzeugt im Bockenheimer Depot. Von Christina Lenz

Sarah ist eine Jugendliche mit Down-Syndrom und wünscht sich Prinzessin zu sein. Sven, der ebenso das Down-Syndrom hat, will unbedingt als Rockstar auf der Bühne stehen. Und Anna, die scheinbar gesund ist, fällt gerade kein Wunsch ein. Im Stück „All inclusive“ der Regisseure Martina Droste und Chris Weinheimer fragen sich 14 jugendliche Schauspieler auf der Bühne unentwegt aus. „Was wünschst Du Dir?“ ist solch eine Frage.

Jugendliche haben Wünsche, ob geheim oder nicht, ob erfüllbar oder aussichtslos. Doch durch die Art, wie sich die einzelnen Akteuren auf der Bühne zu ihren Antworten durchringen oder auch Fragen zurückweisen und verweigern, entwickelt sich schnell eine erstaunliche Vielfalt an Haltungen. „Sind die Menschen in Afrika anders?“, „Ist es schön klein zu sein?“ Manchmal sind die Antworten schamhaft, manchmal lustig, ausführlich, wütend oder verletzt. Doch immer wird den Fragen Raum gelassen und der Unsicherheit, die sich unwillkürlich daran knüpft. Nichts ist selbstverständlich, außer das Anderssein. Das Stück folgt keiner getakteten Dramaturgie, das Tempo passt sich der Eigenart der spielenden Akteure an. So entstehen Brüche, aus denen Fragen entstehen: Wer passt in eine Gemeinschaft? Wer kann in einem Theaterstück mitspielen? Wer wird wahrgenommen und anerkannt und warum?

Mosaik von Stilen

Marschieren die Jugendlichen am Anfang noch in einer homogenen Gruppe im Stechschritt und Befehlen gehorchend durch die Halle, entwickeln die einzelnen Individuen im Laufe des Stücks ihre Kraft. Sie suchen und finden ihre eigene Sprache, zeigen ihre Haltung und ihre unverwechselbare Art sich auf der Bühne zu bewegen. Die szenisch lose zusammengeknüpften, nicht auf einer zusammenhängenden Handlung basierende Dramaturgie bietet den Schlüssel zu diesem Mosaik von Stilen. Wären die einzelnen Akteure nur Diener einer gemeinsamen Handlung, so würden sich ihre Eigenheiten und Macken wohl als störend erweisen. Wo die Handlung aber aufgebrochen ist, wo sich die Dramaturgie an den unterschiedlichen Tempi der Akteure selbst orientiert, da entfaltet die Vielfalt der Schrullen, der Emotionen und der Gesten eine immense Kraft.

Weitere Vorstellungen:

15., 18., 19. und 21. Dezember im Bockenheimer Depot

Jennifer sagt auf die Frage, was ihr Wunsch sei, erst einmal nichts, sondern atmet fünf lange Minuten ins Mikrofon. Irgendwann sagt sie dann mit einer leisen Stimme, dass sie gerne eine Pinocchio-Puppe sein möchte. Die manchmal unwillkürlichen, manchmal lustvollen Suspensionen von Erwartungen werden im Stück ausgehalten und regelrecht ausgestellt. Schnell zeichnet sich ab, dass möglicherweise sogar diejenigen Menschen, die die herkömmlichen Erwartungen sowieso nicht erfüllen, einen besseren Zugang zu den eigenen Wünschen haben. Schnell verwischen sich die Grenzen zwischen einem Leben mit und ohne Behinderungen. „Wenn man anfängt zu begreifen, was alles an Fehlern und Fähigkeiten zur conditio humana dazu gehört, ist man schon mitten im Spiel“, heißt es im Programmheft.

Das Stück ermöglicht dem Zuschauer einen Blick hinter die Fassadenkategorien des Gesunden und Kranken, des Schönen und Hässlichen. Das macht es zu einem hervorragenden Theaterereignis. Denn wo, wenn nicht auf dem Theater, gelangt das Spiel mit Erwartungen, Projektionen und Rollen an seine Grenzen? Und wo können Rollen so gut vertauscht, Projektionen ad absurdum geführt werden wie dort? Frei von diesen Mechanismen, die in der Realität oft erbarmungslos funktionieren, ist hier auf der Bühne auch niemand. Doch es gibt einen Trost: sich frei fühlen, das ist für alle auf der Bühne sowieso nur eine Sache von Sekunden.

Quelle: op-online.de

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