Mörderischer Liebeskampf

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Fels in der Brandung: Tanja Ariane Baumgartner als Penthesilea.

Frankfurt - Es geht ums Siegen und Besiegtwerden. Dass wahre Liebe dabei auf der Strecke bleibt, zeigt Othmar Schoecks Einakter „Penthesilea“, ein Komprimat des Trauerspiels von Heinrich von Kleist. Von Klaus Ackermann

Ein mörderischer Geschlechterkampf, mit dem Regisseur Hans Neuenfels, der nach wie vor scharfsichtige, unerbittliche Psychoanalytiker an die Oper Frankfurt zurückkehrt.

Für spannende 90 Minuten sorgen zudem das Opern- und Museumsorchester, dem der junge Dirigent Alexander Liebreich starke Impulse gibt, der außerordentlich aktive Opernchor und die zur Premiere zu Recht gefeierte Tanja Ariane Baumgartner in der Titelrolle. Ziemlich verblüfft nahm auch der für eigenwillige Sehweisen berüchtigte Neuenfels den uneingeschränkten Beifall des Publikums entgegen. So etwas hat er offenbar lange nicht mehr erlebt.

Inszenierung des Jahres

Wieder einmal beeindruckt die nachhaltige Personenregie des Altmeisters, der die Unmöglichkeit der Liebe zwischen Achilles und der Amazonenkönigin am Rande des Trojanischen Kriegs mit Kleist und Schoecks Musik, eine wahrer Unruheherd, gnadenlos nachweist. Neuenfels’ überbordende Fantasie, wenn es gilt, in die Abgründe des Menschlichen zu leuchten, seine unnachahmliche Art auf ironische Distanz zu gehen, machen auch diesen blutigen Opernabend Prädikat-würdig – wie schon die Erstauflage 2007 am Theater Basel, als „Inszenierung des Jahres“ ausgezeichnet.

Zwischen stilisierten Säulen ist eine Bühne auf der Bühne zu erleben (Ausstattung Gisbert Jäkel), deren „Vorhof“ eine Art Amazonen-Privatissimum darstellt. Mit Pfeil und Bogen und stets wohlgeordnet werfen sich die kriegerischen Damen ins Getümmel, archaisch schwarz-weiß gewandet. Doch unterm Cape lugt auch mal ein Cocktailkleid hervor. Prachtexemplare des Männlichkeitswahns sind die Griechen, ob Korsar, Weltkriegsflieger, Westernheld oder einem Fernsehkrimi entsprungen.

Kitsch-Seele Triumphe

Ins tödliche Hin und Her fährt Schoecks Musik mit ihren schrägen Intervallen wie eine Speerspitze. Im Kampfesgetümmel sind Signale auszumachen, und wohlige Impressionismen künden von Emotion pur. Doch auch in die knappen melodischen Entwicklungen mischen sich Störtöne, selbst wenn Penthesilea ihrem Achill einen Rote-Rosen-Kranz aufs Haupt setzt – und die Kitsch-Seele Triumphe feiert. Oder wenn sich die verletzbare Amazonenkönigin auf ihr marmornes Pferd schwingt, das der hehre Achilles erst über ein Klavier erklettert, im Orchestergraben eine gewichtige Farbe.

Erstaunlich, wie sicher das Orchester mit Schoecks vielschichtigem, manchmal sperrigem Klanggut umgeht. Bemerkenswert die darstellerisch geforderten Chöre (Matthias Köhler, Michael Clark), für karikierende Momente zuständig, griechische Mannen wie tumbe Brüllaffen, der Amazonenchor hysterisch wiehernd ...

Mit fatalen Folgen

Wie ein Fels in stürmischer Klang-Brandung wirkt die Penthesilea der Tanja Ariane Baumgartner, deren Mezzosopran Schoecks archaisierenden Sprechgesang auch in tiefster Lage stabilisiert, souverän als Liebende, deren Hass zum tödlichen Rausch wird, bevor sie in Wahnsinn verfällt. Umgeben von stimmlichen Mahnern und Mitfühlenden wie den Amazonen Marion Ammann, Britta Stallmeister und der wieder einmal überraschenden Katharina Magiera. Und von der fabelhaften Schauspielerin Oda Pretzschner, die diese mörderische Geschichte vorantreibt.

Noch am 8., 11., 15., 17. und 23. September

Als Achilles mutiert Bariton Simon Neal vom weichherzigen Krieger zum Dandy, der sich Penthesileas Liebe allzu sicher ist. Mit fatalen Folgen. Ihr Pfeil wird ihn, den Unbewaffneten, durchbohren, ihren Hunden wird sie ihn zum Fraß vorwerfen, was bei Schoeck-Neuenfels dezent ausgeblendet, aber umso intensiver erzählt wird. Auf einer Art Krankenstuhl fährt Penthesilea die in Koffer verpackten Leichenteile des Achilles, eine Schlafwandlerin, mit blutverschmiertem Mund und Kleid. „Nun ist es gut“, sagt sie. Und stirbt. Während der musikalische Strang versiegt – bei abruptem finalen Schlag.

Quelle: op-online.de

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