Frank-Lorenz Engels „Tischlein deck dich“

Moralisch wertvoll

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Elfentrio: König Oberon (Patrick Dollmann) mit Elf Robin (Marius Schneider) und Elfe Spinnweb (Claudia Brunnert).

Hanau - Ein Kung-Fu-tanzender Knüppel aus dem Sack - ganz ohne Sack. Eine Welt der Elfen. Eine hinterlistige Ziege, die sogar steppt. Ein lustiges Ballspiel in Zeitlupe. Von Christian Spindler

Die Liebe zweier Findelkinder: Es ist manches anders im Märchen „Tischlein deck dich“ wie es Frank-Lorenz Engel bei den Brüder-Grimm-Festspielen in Hanau erzählt. Und doch geht in der Inszenierung, die als zweite von insgesamt vier in der diesjährigen Spielzeit nun im Amphitheater bei Schloss Philippsruhe Premiere feierte, nichts von der vertrauten Geschichte verloren.

Im Gegenteil. Der kommissarische Festspiel-Intendant erzählt in seiner Version gleichsam auch die Vorgeschichte und liefert mit dieser gekonnten Erweiterung so manche Erklärung. Man erfährt etwa, warum die Ziege hinterlistig ist (sie ist der verwandelte Elfenkönig Oberon) oder woher die Zauberkraft von Tischlein, Goldesel und dem Knüppel kommt. (Auch hier hat Elfenkönigin Titania alias Nadine Buchet ihre Hand im Spiel.) Nicht nur die Namen der Elfen-Protagonisten und eine Findelkind-Geschichte liefern dabei Anklänge an Shakespeares „Sommernachtstraum“.

Das weithin bekannte Märchen vom Schneider (Detlev Nyga), der wegen einer Ziege seine Söhne (Benedikt Selzner, Jan Schuba und Maximilian Rösler) verstößt, die dann bei Tischler, Müller und Dechseler in die Lehre gehen und die Zaubergeschenke bekommen, dampft Engel indes etwas ein und filtriert geschickt die Essenz heraus. Natürlich gibt es das bekannte „Ich bin so satt, ich mag kein Blatt! Mäh! Mäh!“ oder die Zauber-Szenen mit „Bricklebrit!“. Eindrucksvoll arbeitet Autor und Regisseur Engel auch heraus, wie der Schneider Zwick dem äußeren Schein und der Täuschung in Gestalt der arrogant-miesen Ziege verfällt. All das wird mit leichter Hand erzählt, stellenweise mit Humor, Ironie und viel Tempo. Furios die Wirtshaus-Szene, in der ausgelassen gesungen, getanzt und sogar der „Gangnam Style“ zitiert wird. Nicht nur hier und bei den amüsanten Auftritten des Kampfsport-Knüppels beeindruckt die Inszenierung mit flotter Choreografie (Bart De Clercq) und veritablen Gesangs- und Rap-Einlagen zur Musik von Markus Syperek.

Aus einem guten Ensemble ragen Patrick Dollmann als Elfenkönig und herrlich meckernde Ziege, Catrin Omlohr in der Doppelrolle als köstlich kieksende Elfe Senfsamen und Wirtshaus-Bedienung Johanna mit schöner Gesangsstimme heraus sowie vor allem Marius Schneider als überdrehter Elf Robin und tanzender Knüppel. Schneider bekam bei der Premiere zu Recht den meisten Beifall. „Tischlein deck dich“ ist nicht nur eines der bekanntesten Märchen, sondern gilt auch als eines der moralisch wertvollsten in der 200 Jahre alten Grimmschen Sammlung. Auch Engel liefert eine Botschaft: Er lässt das Hohelied auf die Familie singen. Sogar im Wortsinne. Dabei kommt die Familie ganz zeitgemäß in einer Art Patchwork-Modell daher.

Bereits im Vorjahr hatte der Wahl-Berliner Frank-Lorenz Engel beim Hanauer Märchenfestival mit „Das tapfere Schneiderlein“ die beste und erfolgreichste Inszenierung abgeliefert. Entsprechend hoch waren diesmal die Erwartungen. Sie werden nicht enttäuscht. Beim sehenswerten Familienstück „Tischlein deck dich“ kommen Kinder und Erwachsene voll auf ihre Kosten.

Quelle: op-online.de

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